Wie die Regierung uns mit Taschenspielertricks in den Lockdown jagt

Do 15. Apr. 2021 | Politik und Medien

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Quelle: reitschuster.de

Die Stelle musste ich mir gle­ich mehrmals anhören, weil ich nicht glauben wollte, was der Präsi­dent der ober­sten deutschen Gesund­heits­be­hörde heute auf der Bun­de­spressekon­ferenz sagte. „Die Fal­lzahlen nehmen nicht etwa zu, weil mehr getestet wird, denn dann wür­den wir ja nicht erwarten, dass der Anteil der pos­i­tiv­en PCR-Testergeb­nisse zunimmt, tat­säch­lich nimmt er aber zu, und er lag ver­gan­gene Woche bei über zwölf Prozent“, sagte RKI-Chef Lothar Wiel­er. Mein sofor­tiger Ver­dacht: Das ist eine Irreführung. Denn da ja nun mas­siv Schnell­tests stat­tfind­en, und diejeni­gen, bei denen diese pos­i­tiv auss­chla­gen, zum PCR-Test geschickt wer­den, ist die Zunahme der Pos­i­tiv-Rate bei diesen ger­adezu zwangsläu­fig. Und hat eben doch genau mit der Zunahme der Tests zu tun – was Wiel­er aber expliz­it bestre­it­et. Da man sich als Laie leicht irren kann, befragte ich den Phar­makolo­gen und Toxikolo­gen Prof. Dr. Ste­fan Hock­ertz, ob meine Schlussfol­gerung zutrifft. Seine Antwort: „Vol­lkom­men. Ich würde hier sog­ar von einem Taschen­spiel­er­trick Wiel­ers sprechen. Denn natür­lich haben wir es hier mit ein­er starken Verz­er­rung der Zahlen zu tun, wenn so eine Vorse­lek­tion stat­tfind­et, also wenn gezielt Men­schen zum PCR-Test geschickt wer­den mit pos­i­tivem Vortest. Dass dann eine ganz andere Pos­i­tiv-Quote her­auskommt, als wenn ohne vorherige Selek­tion PCR-Tests stat­tfind­en, liegt doch für jeden auf der Hand.“

Ein Epi­demi­ologe, den ich befragte, um eine Zweit­mei­n­ung zu erhal­ten, bestätigte die Ein­schätzung von Hock­ertz. Er fügte hinzu: „Inter­es­sante Frage wäre ja, ob der Anteil der Erkrank­ten unter den Pos­i­tiv­en zunimmt? Aber das kann ja nie­mand sagen…:“ Bemerkenswert ist, dass dieser Wider­spruch heute nicht aufge­grif­f­en wurde auf der Bun­de­spressekon­ferenz. Ich selb­st war heute nicht anwe­send – die Ver­anstal­tung war kurzfristig auf Don­ner­stag mor­gen gelegt wor­den, statt wie gewohnt auf Fre­itag. Ich werde aber um 14.30 Uhr dort sein, wenn Bun­desin­nen­min­is­ter Horst See­hofer (CSU) die neue Krim­i­nal­itätssta­tis­tik vorstellt.

Mas­siv kri­tisierte Hock­ertz auch, dass Wiel­er offen­bar absichtlich mit Begrif­f­en manip­ulierte. „Die meis­ten Neuerkrankun­gen find­en übri­gens bei den 15- bis 49-Jähri­gen statt“, sagte der RKI-Chef heute. Dabei set­zt er pos­i­tive Testergeb­nisse mit Krankheit gle­ich, und das, obwohl Deutsch­land offen­bar sys­tem­a­tisch gegen die Empfehlung der WHO ver­stößt, Pos­i­tiv-Getestete ohne Symp­tome noch ein­mal testen zu lassen. „Wiel­er ver­stößt damit gegen die Def­i­n­i­tio­nen der Welt­ge­sund­heit­sor­gan­i­sa­tion, denn denen zufolge bedeutet ein pos­i­tives Ergeb­nis bei einem PCR-Test eben nicht automa­tisch eine Krankheit, und so zu tun, als sei das so, ist eine bewusste Irreführung der Öffentlichkeit“, so Hockertz.

Die Bun­desregierung begrün­det ihren harten Kurs bei der Bekämp­fung von Coro­na stets auch damit, dass eine Über­las­tung des Gesund­heitswe­sens dro­ht. Beson­ders im Augen­merk sind dabei die Inten­siv­bet­ten. Es sei „ein­deutig und nicht zu miss­in­ter­pretieren“, sagte Gesund­heitsmin­is­ter Jens Spahn (CDU) heute auf der Bun­de­spressekon­ferenz: „Die Zahl der Inten­siv­pa­tien­ten mit Covid-19 liegt wieder bei fast 5.000.“ Dieses Aufrun­den von 4.680 mag legit­im sein. Weit­er sagte Spahn: „Die Inten­sivmedi­zin­er rech­nen damit, dass wir Ende des Monats, also in zwei Wochen, sog­ar 6.000 Covid-19 Patien­ten in den Inten­sivs­ta­tio­nen wer­den ver­sor­gen müssen. Das heißt, schon jet­zt kön­nen wir abse­hen, dass ohne einen Stopp dieser Entwick­lung unser Gesund­heitssys­tem an den Rand sein­er Kapaz­ität gelan­gen wird.“ Deshalb sei die Sit­u­a­tion in den Inten­sivs­ta­tio­nen ein­er der wichtig­sten Para­me­ter: „Das Hauptziel in dieser Pan­demie ist, eine Über­las­tung des Gesund­heitssys­tems zu ver­mei­den. Das ist die Pri­or­ität gewe­sen seit zwölf Monaten.“

Diese Aus­sagen sind in jed­er Hin­sicht bemerkenswert: Wenn ein Hauptziel war, die Über­las­tung zu ver­mei­den, warum wur­den dann Kranken­häuser geschlossen, und warum sind dann heute zwanzig Prozent weniger Inten­siv­bet­ten ver­füg­bar als im Herb­st – ein Abbau mit­ten in der Coro­na-Krise? „Es wur­den allein durch Schließung von Kranken­häusern seit Beginn der Pan­demie 3.000 Bet­ten deutsch­landweit abge­baut“, beklagt Hock­ertz: „Wenn ich bei ein­er Pan­demie, wenn wir sie mal so nen­nen wollen, das Gesund­heitswe­sen nicht aus­baue, ist das ein Ver­brechen, wenn ich aber die Kapaz­itäten abbaue, dann ist es ein vorsät­zlich­es Ver­brechen, und damit hat die Regierung jede Berech­ti­gung ver­spielt, jet­zt unter Hin­weis auf das Gesund­heitswe­sen, das sie seit einem Jahr schwächt, mas­sive Beein­träch­ti­gun­gen der Grun­drechte vorzunehmen.“

Seit ver­gan­genem Herb­st ist die Zahl der Inten­siv­bet­ten in Deutsch­land um mehr als 20 Prozent gesunken. Spahn recht­fer­tigte dies ver­gan­gene Woche auf meine Frage hin mit man­gel­n­dem Per­son­al. Aber was hat die Regierung getan, um beispiel­sweise Pflegeper­son­al, das wegen der sehr schlecht­en Bedin­gun­gen in dem Beruf abge­wan­dert ist, wieder zurück­zugewin­nen? Die Antwort der Bun­desregierung auf diese Frage von mir diese Woche emp­fand ich als auswe­ichend. Mit Stand vom 15. April sind laut DIWI bun­desweit noch 2.864 Inten­siv­bet­ten frei. Dazu kommt eine 7‑Tage-Not­fall­re­serve von 10.304 Bet­ten – das sind Plätze in den Inten­sivs­ta­tio­nen, die bin­nen sieben Tagen bere­it­gestellt wer­den können.

Warum es heute 20.000 Inten­siv­bet­ten weniger gebe als früher, fragte ein Kol­lege und ver­wies auf 56.000 Bet­ten in Hoch­phasen: „Die gibt es nicht und gab es auch nicht“, antwortete Char­ité-Inten­sivmedi­zin­er Weber-Carstens, der mit auf dem Podi­um saß. Doch so oder so wür­den auch Not­fall­bet­ten nur dann etwas brin­gen, wenn man die entsprechende Betreu­ung leis­ten könne. „Wir hat­ten zum Jahreswech­sel Medi­zin­stu­den­ten und Assis­ten­zärzte, die geholfen haben, doch die Ressourcen sind endlich.“ Eines sollte man ver­mei­den: „Die Inten­sivka­paz­itäten bis ins Uner­messliche auszureizen.“ Spahn fügte hinzu, dass man wohl noch einige tausend Patien­ten betreuen könne, wenn man das Sys­tem aus­reizen und unter schw­eren Bedin­gun­gen einige Zeit betreiben würde. „Aber was ist denn die Logik dahin­ter, wenn man das austestet und dafür sorgt, dass danach gar kein­er mehr in Kranken­häusern arbeit­en will? Das ver­ste­he ich nicht.“

Spahns Tenor, man solle nicht die Inten­sivka­paz­itäten bis ins Uner­messliche aus­reizen, hätte ich gerne mit ein­er Frage gekon­tert: Macht es Sinn, die Geduld der Gesellschaft und ihre Fähigkeit, Kol­lat­er­alschä­den zu ertra­gen, bis ins Uner­messliche auszureizen? Kann man 83 Mil­lio­nen Men­schen eines nor­malen Lebens berauben, weil man ein „Austesten von Inten­sivka­paz­itäten“ ver­mei­den will? Müsste man nach dieser Logik dann nicht auch vieles andere über­denken? Etwa den legalen Verkauf von Alko­hol und Tabak? Fra­gen über Fragen…

Wiel­er sagte auf der Bun­de­spressekon­ferenz weit­er: „Die Todeszahlen stag­nieren, gehen aber nicht zurück.“ Spahn führte aus: „Selb­st in den USA, Kana­da und in Chile steigen die Fal­lzahlen“. Er ver­wies aber nicht darauf, dass es etwa in den USA in vie­len Bun­desstaat­en kaum Coro­na-Maß­nah­men gibt – und die Fal­lzahlen etwa in Texas nach der Aufhe­bung der Coro­na-Maß­nah­men gefall­en sind und sich seit­dem kon­tinuier­lich auf einem ver­gle­ich­sweise niedri­gen Niveau bewegen:

 

 

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