Politische Bombe: Schummeleien mit den Zahlen aus den Intensivstationen? Offizielle Zahlen “nicht in Einklang zu bringen”

So 16. Mai. 2021 | Politik und Medien, Angepinnt

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Quelle: reitschuster.de

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Die Gefahr ein­er Über­las­tung der Inten­sivs­ta­tio­nen war seit Beginn der Coro­na-Krise immer das wichtig­ste Argu­ment für die frei­heits­beschränk­enden Maß­nah­men und dann den Lock­down. Nun legt ein Forscherteam um Matthias Schrappe ein Papi­er vor, das die Sprengkraft ein­er Bombe enthält. Zu lesen ist darüber nur in der „Welt“. Aber auch dort nur hin­ter ein­er Zahlschranke – obwohl es max­i­male Aufmerk­samkeit ver­di­ent hätte. Der Arzt und Ökonom erk­lärt, dass er Zweifel daran habe, dass hier „redlich gespielt“ wurde.

Schrappe ist kein Irgendw­er. Er ist Gesund­heit­sökonom und war von 2007 bis 2011 Vize-Chef des Sachver­ständi­gen­rates Gesund­heit. Inzwis­chen gilt er als ein­er der ange­se­henen Spezial­is­ten, die dur­chaus auch kri­tis­che Töne an der Coro­na-Poli­tik der Bun­des- und Lan­desregierun­gen wagen. Auch wenn das in Deutsch­land 2021 mit hohen Risiken für das Anse­hen ver­bun­den ist. Sein neues Papi­er (siehe hier) veröf­fentlicht er am heuti­gen Son­ntag gemein­sam mit neun anderen Wis­senschaftlern. Es lässt bei nüchtern­er Betra­ch­tung eigentlich nur einen Schluss zu: Dass es Manip­u­la­tio­nen gab in den offiziellen Sta­tis­tiken, gepaart mit Sub­ven­tions­be­trug sowie ein­er zweifel­haften Ver­wen­dung von Fördermitteln.

„Eine fach­liche Fundierung der offiziellen Kam­pagne und der Inter­ven­tio­nen einiger Fachge­sellschaften, die auf der indi­vidu­ellen Angst vor nicht möglich­er Auf­nahme auf Inten­sivs­ta­tion basiert, kann daher nicht abgeleit­et wer­den“, heißt es in dem Papi­er. Und weit­er: „Sowohl in Bezug auf das Ver­hält­nis von Inten­sivpflichtigkeit und Melder­ate (Inten­siv-Melder­at­en-Quo­tient), als auch in Bezug auf das Ver­hält­nis von inten­sivpflichti­gen zu hos­pi­tal­isierten Patien­ten (Quo­tient Intensivpflichtigkeit/Hospitalisierung) nimmt Deutsch­land eine Son­der­stel­lung ein: in keinem Land wer­den im Ver­gle­ich zur Melder­ate so viele Infizierte inten­sivmedi­zinisch behan­delt, und in keinem Land wer­den so viele hos­pi­tal­isierte Infizierte auf der Inten­sivs­ta­tion behan­delt. Diese Sit­u­a­tion nimmt im Zeitver­lauf sog­ar zu und bedarf drin­gend ein­er genaueren Unter­suchung (dro­hende Überver­sorgung). Die Daten­grund­lage ist auch hier äußerst wider­sprüch­lich (z.B. mehr inten­sivpflichtige als hos­pi­tal­isierte Patienten).“

„Die Zahl der Inten­siv­bet­ten nimmt seit Som­mer let­zten Jahres ab, obwohl angesichts der „Triage“-Diskussion Anstren­gun­gen zur Ausweitung der Inten­siv­bet­tenka­paz­ität zu erwarten gewe­sen wären“, so das Urteil der Experten: „Diese Abnahme entspricht genau der Abnahme an freien Bet­ten, sodass der Abfall der freien Bet­ten eher als Folge ein­er Abnahme der Gesamtka­paz­ität denn als eine Folge ein­er ver­mehrten Inanspruch­nahme durch Covid-19-Patien­ten zu inter­pretieren ist. Es hat eine rück­wirk­ende „Kor­rek­tur“ der Inten­sivka­paz­itäten stattge­fun­den, die nicht mit der verän­derten Zählweise zusam­men­hängt. Die Zahl der belegten Inten­siv­bet­ten hat sich nicht verän­dert. Fra­gen zur Finanzierung, zur Bedeu­tung des Kranken­haus­plans und zu Frei­hal­teprämien sowie deren Anreizwirkung bleiben offen.“

Datenlage nicht belastbar

Zuge­spitzt bedeutet das: Der ver­meintliche Man­gel an Inten­siv­bet­ten kam dadurch zus­tande, dass ein­fach die freien Bet­ten abge­baut wur­den – und nicht durch die ver­mehrte Ein­liefer­ung von Covid-19-Patien­ten. Bun­des­ge­sund­heitsmin­is­ter Jens Spahn (CDU) hat auf meine Nach­frage in der Bun­de­spressekon­ferenz darauf ver­wiesen, das Prob­lem sei der Man­gel an Pflegekräften.  Aber auch das lassen die Experten so nicht gel­ten. Sie schreiben: „Die objek­tive Daten­lage bezüglich der zur Ver­fü­gung ste­hen­den Anzahl von Pflegekräften ist nicht belast­bar. Es fehlen Insti­tu­tio­nen, die zu diesem The­ma unab­hängige Infor­ma­tio­nen gener­ieren. Eine Abnahme der aktiv täti­gen Pflegekräfte lässt sich sta­tis­tisch nicht nach­weisen. Aktuelle Dat­en der Bun­de­sagen­tur für Arbeit sprechen sog­ar für eine deut­liche Zunahme der sozialver­sicherungspflichtig Beschäftigten in diesem Bere­ich, allerd­ings entspricht nach Insid­er­in­for­ma­tio­nen die fach­liche Qual­i­fika­tion nicht in jedem Fall den Anforderun­gen. Öffentlichkeitswirk­same und nach­haltig ver­fol­gte Appelle der poli­tisch Ver­ant­wortlichen zur Rück­gewin­nung von Pflegekräften aus dem Ruh­e­s­tand, zur Wieder­auf­nahme der Beruf­stätigkeit oder zur Qual­i­fika­tion von Pflegeper­son­al aus anderen Bere­ichen haben nicht stattge­fun­den, obwohl solche Pro­gramme eigentlich die nahe­liegend­sten Maß­nah­men gewe­sen wären. Solche Appelle hät­ten auch ohne Umstände Anreize finanzieller oder imma­terieller Natur bein­hal­ten können.“

„Laut Bun­de­sagen­tur für Arbeit hat  im Jahr 2020 (bis Okto­ber) die Zahl der sozialver­sicherungspflichtig Beschäftigten in der Alten- und Krankenpflege um 43.000 Kräfte zugenom­men. Der Anstieg war zweis­tel­lig“, heißt es in dem Papi­er: „Die Zahl der beschäftigten Kranken- und Altenpfleger hat um 14 Prozent zugelegt (auf 1,11 Mio. bzw. 615.000). Nichts­destotrotz ist die aus­re­ichende Ausstat­tung mit qual­i­fiziertem Per­son­al, ins­beson­dere in der (Inten­siv- und Alten-)Pflege, seit Jahren Diskus­sion­s­the­ma. Ver­sproch­ene, reduzierte und am Ende mitunter dann doch nicht aus­gezahlte Boni sind da sich­er nicht hilfreich.“

Zwar sei es „zu Eng­pässen, zu Bal­lun­gen in eini­gen Kliniken“ gekom­men, so Schrappe in der Welt, „weil die Covid-Patien­ten nicht gle­ich­mäßig verteilt wor­den waren über die Kranken­häuser. Aber war die Dro­hung begrün­det, wonach es jedem blühen kön­nte, zu Hause oder vor der Notauf­nah­men zu erstick­en, wenn wir nicht gegen­s­teuern? Wir haben uns die Zahlen ange­se­hen und sind zu dem Schluss gekom­men: Es war nicht begrün­det. Im Gegen­teil. Es gab in den Kranken­häusern offen­sichtlich die Ten­denz, Patien­ten ohne Not auf die Inten­sivs­ta­tion zu ver­legen – während der Pan­demie.“ Die Zahlen in dem Papi­er zeigen, dass gemessen an der Sieben-Tage-Melder­ate nir­gend­wo son­st auf der Welt so viele Covid-Kranke auf Inten­sivs­ta­tion behan­delt wor­den sind, wie in Deutsch­land. Hinzu komme, so Schrappe: „Ende April 2021 wur­den 61 Prozent der Covid-Patien­ten in Kranken­häusern auf Inten­sivs­ta­tio­nen behan­delt. In der Schweiz waren es nur 25 Prozent, in Ital­ien elf Prozent. Auch da sind wir weltweit die Num­mer eins.“

‘Nicht in Einklang zu bringen‘

Das führt zu Fra­gen, so der frühere Vize-Chef des Sachver­ständi­gen­rates Gesund­heit: „Erkranken Bun­des­bürg­er schw­er­er als die übri­gen Men­schen in Europa? Oder kön­nte es sein, dass manche Kranken­häuser sich in Erlös­max­imierung ver­suchen? Oder ist es für manche Kranken­häuser ein­fach­er, Coro­na-Patien­ten sofort auf die Inten­sivs­ta­tion zu brin­gen, obwohl sie noch nicht inten­sivmedi­zinisch betreut wer­den müssen? Die Zahlen sind auf­fäl­lig, und sie wer­fen Fra­gen auf.“ Inten­siv­bet­ten brin­gen höhere Erlöse als  Nor­mal­bet­ten: „Ein Patient auf der Inten­sivs­ta­tion muss auch nicht zwin­gend ans Beat­mungs­gerät. Klar ist nur: Es gibt Zweifel an einem ziel­gerichteten, adäquat­en Ein­satz unser­er Ressourcen. Es gibt sog­ar einzelne Tage, an denen offiziell mehr Patien­ten auf Inten­sivs­ta­tio­nen lagen, als über­haupt hos­pi­tal­isiert waren. Mit dem Satz ‘Wir laufen voll‘ lässt sich das nicht in Ein­klang bringen.“

Die Angst, die Kranken­häuser kön­nten es nicht schaf­fen, habe es tat­säch­lich gegeben, und sie wurde poli­tisch trans­portiert, so der Gesund­heit­sökonom in dem Inter­view: „Nach unseren Auswer­tun­gen kam sie in der Befürch­tung, kein Inten­siv­bett mehr zu bekom­men, beson­ders drastisch zur Gel­tung. Die irra­tionalen und die kost­spieli­gen Kon­se­quen­zen spiegelt das DIVI-Inten­sivreg­is­ter.“ Inzwis­chen ste­he aber fest, dass diese Angst vor knap­pen Inten­sivka­paz­itäten oder gar der Triage unbe­grün­det war: „Und es ste­ht weit­er fest, dass das vie­len Entschei­dern während des gesamten Pan­demiev­er­laufs bewusst gewe­sen sein muss. Die Bun­desregierung nahm immer­hin eine halbe Mil­liarde Euro in die Hand, um den Auf­bau zusät­zlich­er Inten­siv­bet­tenka­paz­itäten zu finanzieren. Nach unseren Recherchen scheinen diese Bet­ten aber nicht exis­tent zu sein. Sie sind offen­sichtlich niemals geschaf­fen wor­den, oder wur­den beantragt, obwohl es keine Pflegekräfte dafür gab.“

Schon das ist schw­er­er Tobak. Die Vor­würfe des früheren Vize-Chefs des Sachver­ständi­gen­rates Gesund­heit gehen aber noch weit­er: „Auch auf den Höhep­unk­ten aller drei Wellen waren nie mehr als 25 Prozent der Inten­siv­bet­ten mit Covid-Patien­ten belegt“, so der Medi­zin­er in dem Inter­view mit der „Welt“. Deutsch­land habe weltweit „die läng­ste Liegedauer, die höch­ste Kranken­haus­dichte, die höch­ste Zahl von Inten­siv­bet­ten pro 100.000 Ein­wohn­er, wir haben mehr als dreimal mehr Inten­siv­bet­ten als Frankre­ich mit 7000 Bet­ten. Wir haben zusät­zlich 11.000 Bet­ten als Not­fall­re­serve, die wir freilich nie aufge­baut und nie in Betrieb genom­men haben. Wir ängsti­gen uns auf hohem Niveau.“

In Cellophan verpackte Betten

Nach dem Kranken­hausent­las­tungs­ge­setz wur­den für jedes neu aufgestellte Inten­siv­bett 50.000 Euro zur Ver­fü­gung gestellt, so Schrappe zur „Welt“: „Auf­fäl­lig ist, dass diese Bet­ten plöt­zlich im Okto­ber von einem Tag auf den anderen vorhan­den waren, in den Zahlen gibt es dort eine Stufe. Aber offen­sichtlich sind es in Cel­lo­phan ver­pack­te Bet­ten geblieben, die nicht ein­satzfähig und auch später nie einge­set­zt wor­den waren.“

Auch Bericht­en, wonach immer mehr junge Men­schen im Alter von 30 bis 40 Jahren auf den Inten­sivs­ta­tio­nen mit Covid-19 behan­delt wer­den, ste­ht Schrappe skep­tisch gegenüber: „Die Zahlen dazu liefer­ten die Ver­ant­wortlichen von RKI und DIVI erst Anfang Mai. Jet­zt ste­ht fest: Diese Alters­gruppe macht keine drei Prozent aller Covid-Patien­ten auf Inten­sivs­ta­tion aus.“ Weit­er sagte Schrappe der „Welt“: „Aber nicht nur die Daten­lück­en sind prob­lema­tisch. Es wird auch nicht sorgfältig mit den Zahlen umge­gan­gen. Es sind nicht nur 10.000 Inten­siv­bet­ten seit Som­mer ver­schwun­den, son­dern man hat offen­sichtlich ret­ro­spek­tiv die Zahlen vom let­zten Som­mer kor­rigiert. Wenn wir diese Dat­en mit den heuti­gen Zahlen im DIVI-Archiv ver­gle­ichen, sind da plöt­zlich nicht mehr in der Spitze knapp 34.000 Bet­ten gemeldet, son­dern nur noch rund 30.000. Man hat rück­wirk­end sys­tem­a­tisch einge­grif­f­en, sodass über­all 3000 Bet­ten weniger verze­ich­net sind. Das ist anrüchig, weil diese Zahlen poli­tis­che Kon­se­quen­zen hat­ten. Die Bet­ten ste­hen in Kranken­haus­be­darf­s­plä­nen, und diese Bet­ten wer­den finanziert.“

Das bit­tere Faz­it des früheren Vize-Chefs des Sachver­ständi­gen­rates Gesund­heit: „Im Rück­blick tun sich Frageze­ichen auf, ob da redlich gespielt wurde.“

 

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