Politische Angstmache mit Inzidenz-Wahn

Do 15. Apr. 2021 | Politik und Medien

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Quelle: 2020news.de

Von Tilo Gräser

Ich muss geste­hen, es fällt mir schw­er, angesichts des anhal­tenden poli­tis­chen Wahns noch etwas zu schreiben, was zur Aufk­lärung beitra­gen kön­nte. Längst haben sach- und fachkundi­ge Men­schen – alles andere als ver­meintliche „Coro­naleugn­er“ – alle Fak­ten und Dat­en benan­nt und beschrieben. Die auf dieser fach­lichen Grund­lage einge­forderte Kursko­r­rek­tur ignori­eren die Regieren­den von Bund und Län­dern. Und so set­zen sie ihre Lock­down-Poli­tik fort – aktuell mit einem „harten Oster-Lock­down“, wie nun seit der Nacht zum Dien­stag bekan­nt ist, auch wenn inzwis­chen darüber gestrit­ten wird.

Aber auch in der Coro­na-Krise gilt, was einst der Sozialdemokrat Fer­di­nand Las­salle sin­ngemäß fest­stellte: Um etwas zu verän­dern, bleibt es notwendig, laut zu sagen, was ist. Deshalb schreibe ich trotzdem.

Von Las­salles Erken­nt­nis scheinen unter anderem die SPD-Min­is­ter­präsi­den­ten, die die Lock­down-Poli­tik fort­set­zen wollen, längst nichts mehr wis­sen zu wollen. Ich bezwei­fle, dass sie und ihre Kol­le­gen, ein­schließlich des Panikpredi­gers aus der SPD-Bun­destags­frak­tion Karl Lauter­bach, nicht wis­sen, was sie tun, dass sie etwa nur aus Unwis­senheit han­deln. Dazu sind die Dat­en und Fak­ten, die ihrer Poli­tik des Wahnsinns wider­sprechen, zu offen­sichtlich und auch ihnen zugänglich. Es bleibt zu ver­muten, dass dahin­ter Meth­ode steckt, auch wenn das nur schw­er beweis­bar ist. Das im Früh­jahr 2020 bekan­nte gewor­dene Panik-Strate­giepa­pi­er aus dem Bun­desin­nen­min­is­teri­um ist ein wichtiges Indiz, reicht aber als Beweis allein nicht aus.

Derzeit wird die all­ge­meine Bevölkerung mit Hil­fe der etablierten Medi­en weit­er­hin in Angst und Panik gehal­ten, so dass beispiel­sweise viele frei­willig die untauglichen FFP2-Masken tra­gen, selb­st an der frischen Luft. Dafür nutzen die regieren­den Poli­tik­darsteller die ange­blich steigen­den „Infek­tion­szahlen“ bzw. „Fal­lzahlen“ sowie die Inzi­denz-Angaben. Als „Infek­tio­nen“ und „Fälle“ wer­den weit­er­hin die pos­i­tiv­en Ergeb­nisse der PCR-Tests sowie der soge­nan­nten Schnell­tests auf Anti­gene beze­ich­net. Das geschieht unab­hängig von der Fehler­haftigkeit der Tests und ungeachtet der mehrfach belegten Tat­sache, dass ein pos­i­tiv­er Test keine Erkrankung der jew­eili­gen Per­son nach­weist. Poli­tisch und medi­al wer­den die Ergeb­nisse aber weit­er­hin so dargestellt, dass der Ein­druck entste­ht, dass die gemelde­ten Zahlen für Erkrank­te ste­hen. Auf den Testergeb­nis­sen grün­det die soge­nan­nte Inzi­denz – mit dieser wird die Anzahl neu auftre­tender Fälle in ein­er gegebe­nen Pop­u­la­tion während ein­er bes­timmten Zeit bezeichnet.

Im Fall der laut Welt­ge­sund­heit­sor­gan­i­sa­tion WHO vom Virus Sars-Cov­‑2 aus­gelösten Krankheit Covid-19 gibt das in der Bun­desre­pub­lik zuständi­ge Robert-Koch-Insti­tut (RKI) den entsprechen­den Wert pro 100.000 Ein­wohn­ern im Zeitraum von sieben Tagen an. Das Insti­tut unter­ste­ht dem Bun­des­ge­sund­heitsmin­is­teri­um und wird derzeit vom Tier­medi­zin­er Lothar Wiel­er geleit­et. Den Mel­dun­gen zufolge steigt seit kurzem die „Sieben-Tage-Inzi­denz“ wieder an, nach­dem sie im Feb­ru­ar fiel. Das ist der offizielle Grund für die Regierun­gen von Bund und Län­der, den Lock­down nun (vor­erst) von Ende März auf den 18. April zu ver­längern. Zuvor hat­ten sie bere­its beschlossen, dass bei einem Anstieg der Zahlen auf einen Wert über 100 die „Not­bremse“ gezo­gen wird. Damit sollen eventuelle vorherige „Lockerun­gen“ zurückgenom­men und die bish­eri­gen Maß­nah­men wieder ver­schärft wer­den kön­nen. Genau das geschieht nun – unab­hängig von der Ursache der steigen­den Werte und ungeachtet der zahlre­ichen Kri­tik an den Inzi­denz-Zahlen als Kriterium.

„Gewaltiges Prob­lem“

Diese Kri­tik wird bere­its seit etwa einem Jahr geäußert, seit die regierende Poli­tik die Inzi­denz als mitentschei­den­den Wert in der Pan­demie ein­führte. In den let­zten Wochen war sie ver­mehrt zu vernehmen – ohne Reak­tion bei den Regieren­den. „Die als ‚Inzi­den­zrate‘ beze­ich­nete, auf 7 Tage bezo­gene Zahle­nangabe des RKI beruht auf ein­er unsys­tem­a­tisch gewonnenen Stich­probe und ist nicht als valide Angabe zur Neuerkrankungsrate zu ver­ste­hen.“ Das erk­lärte unter anderem die Experten­gruppe um den Gesund­heitswis­senschaftler Matthias Schrappe am 12. März auf der von ihnen betrieben Web­seite „corona-netzwerk.info“.

Schrappe hat mit ver­schiede­nen Kol­le­gen bere­its in mehreren gemein­samen The­sen­pa­pieren zur Pan­demie auf diesen Umstand hingewiesen, so im sech­sten The­sen­pa­pi­er vom 24. Novem­ber 2020. „In der gegen­wär­ti­gen Sit­u­a­tion liegt kein einziges Merk­mal vor, das für die Ver­wen­dung des Begriffs ‚Inzi­denz‘ notwendig wäre“, wurde dort unter anderem fest­gestellt. Und weit­er: „Let­ztlich lässt sich die Sit­u­a­tion leicht auflösen: bei den täglichen Bericht­en des Robert Koch-Insti­tutes (RKI) han­delt es sich nicht um eine Inzi­denz oder eine ‚7‑Tage-Inzi­denz‘, son­dern um eine Kom­bi­na­tion von mehreren ‚1‑Tages-Inzi­den­zen‘“, so die Wis­senschaftler. Der Begriff der „Sieben-Tages-Inzi­denz“ werde auf der europäis­chen Ebene gar nicht ver­wen­det. Das Euro­pean Cen­ter of Dis­ease Con­trol (ECDC) spreche „richtiger­weise von noti­fi­ca­tion rates, also von Melderaten“.

„Das Prob­lem ist gewaltig“, hob die Gruppe um Schrappe her­vor, denn es bes­timme die gesamte weit­ere Diskus­sion. Wer den Begriff der „Inzi­denz“ ver­wende gebe vor, er habe eine Ken­nt­nis der in einem Zeitraum (sieben Tage) tat­säch­lich neu auftre­tenden Infek­tio­nen und könne daran die Entwick­lung zutr­e­f­fend able­sen. Die Wis­senschaftler stell­ten fest: „Allerd­ings ist diese Hand­lungs­grund­lage nicht tragfähig, zum anderen wird auf diese Weise der drin­gend notwendi­ge Weg zur Nutzung sin­nvollerer Vorge­hensweisen versper­rt.“ Sie warn­ten zudem: „Der durch den Begriff ‚Inzi­denz‘ bzw. ‚7‑Tages-Inzi­denz‘ geweck­te Ein­druck, man wisse über den Stand der Epi­demie und die tat­säch­lich in einem Zeitraum auftre­tenden Neuerkrankun­gen Bescheid, täuscht und unter­gräbt die Glaub­würdigkeit des poli­tis­chen Handelns.“

„Viele-Tage-Unsinns-Wert“

In der 44. Sitzung des Coro­na-Auss­chuss­es am 19. März hat­te der Fach­in­for­matik­er Hen­drik Pötzschke das regierung­sof­fizielle Zahlenthe­ater um die Inzi­denz auseinan­der genom­men. Er analysiert seit Som­mer 2020 die offiziellen Zahlen des RKI und macht die Ergeb­nisse auf der Web­site von „Quer­denken 841“ öffentlich. Um mehr Men­schen aufk­lären zu kön­nen, begann er nach seinen Worten, die Zahlen in Youtube-Videos zu erklären.

Pötzschke nen­nt den „Sieben-Tage-Inzidenz“-Wert des RKI den „Viele-Tage-Unsinns-Wert“. Zu den jew­eils vom RKI gemelde­ten neuen „Fällen“ betonte er gegenüber dem Auss­chuss, dass diese Dat­en zum Teil nicht neu sind, also nicht inner­halb der jew­eils let­zten 24 Stun­den ermit­telt wur­den. Sie seien nur neu in die offizielle Sta­tis­tik einge­gan­gen und wür­den von Poli­tik und Medi­en falsch dargestellt. Der Infor­matik­er ver­wies auf die Melde­dat­en der vom RKI veröf­fentlicht­en Angaben, die entschei­dend seien. Diese zeigen, dass die jew­eils berück­sichtigten „Fall“-Zahlen zum Teil bis zu einem Jahr alt sind. Er arbeit­et die offiziellen Dat­en in eige­nen Grafiken auf und ver­sucht damit zu zeigen, wie diese tat­säch­lich zu ver­ste­hen sind. Dabei macht Pötzschke auch einen Unter­schied zwis­chen „Fällen“ mit und ohne Symptome.

Wür­den nur die tat­säch­lich gemelde­ten Fälle der let­zten sieben Tage berech­net, seien die vom RKI gemelde­ten Inzi­den­zen niedriger als angegeben, erk­lärte er gegenüber dem Auss­chuss. Für den 19. März 2021 hätte danach ein Wert von 77 „Neuin­fek­tio­nen“ je 100.0000 Ein­wohn­ern bun­desweit statt der offiziellen Zahl 95,6 berichtet wer­den müssen. Wür­den nur die „Fälle“ mit Symp­tomen, also die wirk­lich Erkrank­ten, berück­sichtigt, läge die RKI-Inzi­denz bei 38,77. Der tat­säch­liche Wert der let­zten sieben Tage läge aber bei nur 20,21, wie Pötzschke in seinem Vor­trag zeigte.

„Dann sind die Zahlen doch kom­plett falsch“, kom­men­tierte Rein­er Füllmich, ein­er der vier Anwälte des Auss­chuss­es, in der Sitzung diese Infor­ma­tio­nen. Aus sein­er Sicht gibt es nur zwei Erk­lärun­gen: Die ver­ant­wortlichen Wis­senschaftler vom RKI wüssten entwed­er nicht, was sie tun – „oder das ist Kor­rup­tion, das ist Absicht“. „So sehe ich das auch“, antwortete Infor­matik­er Pötzschke. Die Zahlen müssten auf­grund der Fol­gen wie den beschnit­te­nen Grun­drecht­en der Bürg­er sehr genau sein. Es werde aber „alles getan, um der Bevölkerung zu sug­gerieren, dass es ganz viele Infek­tio­nen gibt“, so Füllmich dazu.

Pötzschke wies nach, das auch bei den täglich gemelde­ten „Neuin­fek­tio­nen inner­halb von 24 Stun­den“ Dat­en aus dem Jahr 2020 ein­be­zo­gen wer­den. So hat­ten von den am 19. März gemelde­ten neuen 17.482 „Fällen“ nur 11.693 das Melde­da­tum 18. März 2021. Von diesen seien 8.552 an dem Tag als erkrankt gemeldet wor­den. Ähn­lich sieht es den Erläuterun­gen des Infor­matik­ers nach bei den Zahlen der „im Zusam­men­hang mit Covid-19“ Ver­stor­be­nen aus. Diese wur­den am Tag der Sitzung von RKI mit 227 angegeben – auf Grund­lage von Angaben, die laut Pötzschke bis in den Okto­ber 2020 zurück­re­ichen. Bei einem Durch­schnittswert von 13 Tagen von der Erkrankung bis zum Ver­ster­ben wür­den tat­säch­lich für den 19. März nur 57 „Coro­na-Tote“ gemeldet wer­den kön­nen, wobei nur für 22 angegeben wurde, dass bei ihnen Symp­tome reg­istri­ert wurden.

Die Rolle der Tests

Doch von solchen Analy­sen lassen sich die Regieren­den nicht beir­ren, schon gar nicht wenn sie von einem unab­hängi­gen Infor­matik­er kom­men. Unbeein­druckt blieben sie bei ihren jüng­sten Entschei­dun­gen anscheinend eben­falls von Aus­sagen wie denen der Lan­drätin des Land­kreis­es Greiz in Thürin­gen, Mar­tin Schweins­burg (CDU). Der Kreis verze­ich­net

in den let­zten Tagen eine „Sieben-Tage-Inzi­denz“ von mehr als 500 (568,8 am 22.03.2021, 15:00 Uhr). In einem Inter­view mit der Zeitung „Der Tagesspiegel“, online veröf­fentlicht am 19. März, erk­lärte Schweins­burg auf die Frage, worauf sie „die deutsch­landweit mit Abstand höch­ste Inzi­denz in Greiz“ zurück­führe: „Auf die Mehrzahl an Tests.“ Mit ein­er Tage zuvor ges­tarteten Schnell­test-Kam­pagne wür­den auch alle symp­tom­losen Kon­tak­t­per­so­n­en von als infiziert Gemelde­ten getestet. Von bis dahin fast 1.000 Per­so­n­en ohne Symp­tome seien fast ein Drit­tel als „pos­i­tiv“ getestet wor­den, berichtete die Landrätin.

Sie erk­lärte weit­er, dass das „Infek­tion­s­geschehen“ nicht auf die leicht­en Lockerun­gen wie beispiel­sweise geöffnete Geschäfte und Restau­rants zurück­zuführen sei: „Der steile Anstieg ist stattdessen zeitlich recht klar auf die Zunahme der Testka­paz­itäten zurück­zuführen. Und die Zahlen wer­den noch weit­er steigen: Denn wer sucht, der wird auch find­en.“ Den­noch sei die gesund­heitliche Lage im Land­kreis über­schau- und beherrschbar, wider­sprach Schweins­burg Katas­tro­phen­szenar­ien. Das Beispiel Greiz ist nur eines von zahlre­ichen, die zeigen, dass das Zahlenthe­ater der Regieren­den nur wenig mit den Real­itäten zu tun hat – aber umso mehr Fol­gen für das Leben der Bun­des­bürg­er hat.

Wie Infor­matik­er Pötzschke gegenüber dem Coro­na-Auss­chuss deut­lich machte, ist der Inzi­denz-Wert jew­eils von den Fak­toren abhängig, die ein­berech­net wer­den, bis hin zur Ein­wohn­erzahl des betrof­fe­nen Ortes oder Land­kreis­es. Darauf haben seit Monat­en ver­schiedene Wis­senschaftler und Experten hingewiesen. Auf die mas­sive Abhängigkeit des Inzi­den­zw­ertes von der Zahl der durchge­führten Tests macht­en die bei­den Math­e­matik­er Thomas Rießinger und Michael Horn am 16. März in einem Gast­beitrag für den Blog des Jour­nal­is­ten Boris Reitschus­ter aufmerk­sam.  So sei der Wert durch Poli­tik und Behör­den „in hohem Maße steuer­bar“, stell­ten sie fest.

Bei der Covid-19-Inzi­denz müsste es sich den Def­i­n­i­tio­nen nach „um die Anzahl der an Covid-19 Neuerkrank­ten inner­halb eines Zeitraums von sieben Tagen han­deln“, so Rießinger und Horn. Aber: „Gezählt wer­den dabei auch und ins­beson­dere Fälle, bei denen nichts weit­er als ein pos­i­tiv­er PCR-Test vor­liegt“, stellen sie mit Blick auf die RKI-Angaben fest. Die Autoren ver­wiesen auf eine Rei­he von Fak­toren, die die Testergeb­nisse als nicht sich­er und aus­sage­fähig erscheinen lassen. Der vielbeschworene Inzi­den­zw­ert sei „durch Test­strate­gie und Tes­tanzahl in hohem Maße steuer­bar, was die schon erwäh­nte Schmälerung sein­er Aus­sagekraft noch ein­mal steigern dürfte“, so die bei­den Mathematiker.

„Noch immer sind nicht alle Aspek­te unter­sucht, denn es stellt sich nun die Frage, ob die zukün­ftig in großer Zahl vorge­se­henen Schnell­tests einen weit­eren Ein­fluss auf die Inzi­denz haben wer­den“ stell­ten sie fest. Der Wert ist nach ihren Angaben abhängig vom Ct-Wert und der Such­strate­gie des PCR-Tests, eben­so von der Test­strate­gie und der Tes­tanzahl. So kön­nten „in Bezug auf kleinere Bevölkerung­sein­heit­en aus kleinen Ursachen große Wirkun­gen erzeu­gen“. Die Rate falsch pos­i­tiv­er Tes­tun­gen müsse eben­falls berück­sichtigt wer­den. „Sehr viele Nebenbe­din­gun­gen für eine einzige Zahl“, meinen Rießinger und Horn dazu.

Stu­den­tis­ches Wissen

Ein Math­e­matik-Stu­dent aus Bayrisch Gmain im Land­kreis Bercht­es­gaden­er Land sorgt derzeit mit einem Video für Aufmerk­samkeit, weil er nachgerech­net hat. Auch er kommt darauf, dass die offiziellen Inzi­den­zw­erte untauglich sind, um die tat­säch­liche Lage zu beschreiben. Der Heimatkreis von Patrick Schön­herr befind­et sich im läng­sten Lock­down in der Bun­desre­pub­lik, auch wenn der Medi­en­bericht­en zufolge ohne Wirkung bleibt. Seine Rech­nung sei auch „für Nicht-Math­e­matik­er leicht nachvol­lziehbar“, sagte der Stu­dent der Zeitung „Traun­stein­er Tag­blatt“, die am 15. März über ihn berichtete. Die math­e­ma­tis­chen Grund­la­gen seien Stoff der siebten Klasse, wurde Schön­herr zitiert.

Entschei­dend ist nach seinen Worten, nicht auf die absoluten Zahlen der pos­i­tiv Getesteten pro 100.000 Ein­wohn­er zu schauen. „Es müssten auch die neg­a­tiv­en Tests beziehungsweise die Gesamtzahl der gemacht­en Tests berück­sichtigt wer­den“, zitiert ihn die Zeitung. Es müsste berech­net wer­den, wie hoch die Inzi­denz wäre, wenn alle immer gle­ich viel testen wür­den. „In Schön­herrs Rechen­beispiel hätte der Inzi­den­zw­ert im Bercht­es­gaden­er Land ver­gan­gene Woche nicht 89 betra­gen, son­dern 29.“ Der ange­hende Mathe- und Physik­lehrer hat laut dem Blatt die Testzahlen im Bercht­es­gaden­er Land und bun­desweit ver­gliche und die Testquote berech­net. Rein rech­ner­isch seien deutsch­landweit seit dem Jahreswech­sel 1,52 Prozent der Bevölkerung pro Woche getestet wor­den, im Bercht­es­gaden­er Land fast dop­pelt so viele: 2,85 Prozent. In der let­zten Feb­ru­ar­woche sei der Unter­schied noch größer gewe­sen: 1,4 Prozent in Deutsch­land und 5,8 Prozent im Bercht­es­gaden­er Land.

Das hat Schön­herr dem Bericht nach mit der Quote der pos­i­tiv­en Testergeb­nisse hochgerech­net, um her­auszufind­en, wie viele pos­i­tive Fälle es jew­eils geben würde, wenn beispiel­sweise ein­heitlich 1,5 Prozent der Ein­wohn­er getestet wür­den. Im Ergeb­nis zeigt sich, dass der bun­desweite Wert gle­ich bliebe, aber für das Bercht­es­gaden­er Land „eine Inzi­denz weit unter 50“ her­auskäme. Schön­herrs Faz­it gegenüber der Zeitung: „Auf­grund der hohen Testzahlen stellt die aktuelle Inzi­den­zw­ert­berech­nung die Lage im Bercht­es­gaden­er Land stark verz­er­rt dar.“ Die Lage sei „deut­lich bess­er als im deutschen Durch­schnitt, näch­ste Öff­nungss­chritte wären die logis­che Kon­se­quenz“. Der Stu­dent machte dem „Tag­blatt“ auf zahlre­iche unzure­ichende Dat­en aufmerk­sam, die das RKI veröf­fentliche, so dass eine kor­rek­te Berech­nung erschw­ert werde. „Die Zahl der Tests beziehungsweise der getesteten Per­so­n­en müsste berück­sichtigt wer­den, wenn es um Lockerun­gen und Ein­schränkun­gen geht“, gibt die Zeitung eine Diskus­sion zu Schön­herrs Berech­nun­gen wieder.

Kri­tik von Statistikern

Das Prob­lem der unzure­ichen­den Daten­grund­lage ist nicht neu und wurde eben­falls immer wieder von Fach­leuten benan­nt, seit­dem die Covid-19-Pan­demie am 11. März 2020 aus­gerufen und entsprechende Maß­nah­men beschlossen wur­den. Zu den kri­tis­chen Experten gehört der Sta­tis­tik­er Gerd Bos­bach, Autor unter anderem des Buch­es „Lügen mit Zahlen“, das er gemein­sam mit Jens Jür­gen Korff veröf­fentlichte. Auf der gemein­samen Web­seite „www.luegen-mit-zahlen.de“ äußerte sich Bos­bach Ende Feb­ru­ar erneut zu den Zahlen im Zusam­men­hang mit Covid-19. Die Erhöhung der Anzahl der Schnell­tests kommt für ihn neben den Virus-Muta­tio­nen als eine Ursache der stag­nieren­den beziehungsweise steigen­den pos­i­tiv­en Testergeb­nisse in Frage, nach­dem diese im Feb­ru­ar erst sanken. „Der Spruch ‚Wer viel sucht, find­et auch viel‘ passt bei Coro­na gut, da mit den Schnell­tests auch symp­tom­lose oder nur leicht erkrank­te aufgedeckt und über einen PCR-Test pos­i­tiv getestet wer­den“, so der Statistiker.

„Hät­ten wir repräsen­ta­tive Unter­suchun­gen zur aktuellen Ver­bre­itung des Virus, wie schon im Früh­jahr 2020 gefordert, wäre es klar. Steigt der Anteil der Infizierten, liegt es wohl an den Mutan­ten. Steigt er nicht, brin­gen die ver­mehrten Tests nur mehr bish­er unent­deck­te Fälle zu Tage, sinkt die Dunkelz­if­fer. Da diese Unter­suchun­gen nicht existieren, verbleiben uns nur Krück­en zum Ver­such der Beant­wor­tung.“ Bos­bach meinte im Feb­ru­ar: „Die Fol­gen der für März geplanten Schnell­tes­tausweitun­gen für die Zahl der pos­i­tiv Getesteten (und damit die Inzi­denz) ist klar. Salopp aus­ge­drückt: ‚Die heutige 35 ist die 70 bei Hal­bierung der Dunkelz­if­fer.‘ Ob die Entschei­der das berück­sichti­gen?“ Die Regieren­den haben das anscheinend neg­a­tiv beant­wortet, wenn sie denn über­haupt die Fra­gen von Bos­bach zur Ken­nt­nis nahmen.

Gegen die pauschale „Sieben-Tage-Inzi­denz“ sprach sich Mitte März der Sta­tis­tik­er Göran Kauer­mann aus. Er arbeit­et an der Münch­n­er Lud­wig-Max­i­m­il­ians-Uni­ver­sität und gehört zu deren „Covid-19 Data Analy­sis Group“ (https://www.covid19.statistik.uni-muenchen.de/index.html). Sein­er Mei­n­ung nach braucht es neue Werkzeuge, um die Heftigkeit der Pan­demie in Deutsch­land zu beschreiben. Im Inter­view mit der Zeitung „Münch­n­er Merkur“ (Aus­gabe 13./14. März 2021) erk­lärte Kauer­mann unter anderem: „Wo genau der Schwellen­wert liegt, ist eine poli­tis­che Entschei­dung. Wichtig ist dabei aber etwas anderes: Die Sieben-Tage-Inzi­den­zw­erte von heute sind nicht ver­gle­ich­bar mit denen, die wir im Novem­ber hatten.“

Es seien andere Alters­grup­pen betrof­fen – nach­dem bei den Älteren die Werte sinken wür­den, wür­den nun immer mehr Jün­gere pos­i­tiv getestet. Bei den jün­geren Alters­grup­pen wür­den die Inzi­den­zen steigen, unter anderem weil mehr getestet werde, so in Schulen und Kindertagesstät­ten. Dadurch sinke die bish­erige Dunkelz­if­fer der Infek­tio­nen, wie auch Kauer­mann die pos­i­tiv­en Testergeb­nisse beze­ich­net. Er machte zudem darauf aufmerk­sam: „Die Todeszahlen gehen immer weit­er runter. Auch in unseren Hochrech­nun­gen über zukün­ftige Todeszahlen ist ein Abwärt­strend zu beobachten.“

Der Münch­n­er Sta­tis­tik­er forderte, infolge des sich verän­dern­den Test­geschehens „ viel flex­i­bler und detail­liert­er auf die Zahlen“ zu schauen. „Der deutsche Fokus allein auf die Inzi­denz war schon im Novem­ber nicht dien­lich und ist es heute auch nicht“, so Kauer­mann. „Das Maß der Dinge sind für mich aber die Neuauf­nah­men in den Kranken­häusern und ins­beson­dere auf den Inten­sivs­ta­tio­nen. Ein entschei­den­der Wert, der bish­er aber nicht all­ge­mein zur Ver­fü­gung steht.“

Notwendi­ge Diag­nose fehlt

Doch der seit langem einge­forderte genauere Blick auf die tat­säch­liche Lage im Zusam­men­hang mit Covid-19 bleibt weit­er­hin aus, wie die neuesten poli­tis­chen Entschei­dun­gen zeigen. Im Schweiz­er Online-Mag­a­zin „Infos­per­ber“ wurde am 22. März fest­gestellt: „Die wieder steigende Zahl der pos­i­tiv Getesteten wird ohne Zusam­men­hang präsen­tiert.“ Am „unsin­nig­sten“ seien die Tageszahlen. „Selb­st ein Jahr nach Aus­bruch der Coro­na-Epi­demie informieren Medi­en und manch­mal auch Behör­den an Medi­enkon­feren­zen immer noch über die Fal­lzahlen, ohne sie mit der Menge der durchge­führten Tests zu ver­gle­ichen“, so der Befund von Autor Urs P. Gasche, der nicht nur für die Schweiz zutrifft. „Die nöti­gen Dat­en sind auf Web­seit­en der Behör­den und Medi­en dur­chaus zu find­en, aber man stellt sie nur sel­ten in einen Zusammenhang.“

Für Gasche ist es „ein­leuch­t­end: Je mehr getestet wird, desto mehr Fälle wer­den ent­deckt, weil es – nicht nur unter den Jun­gen – eine unbekan­nt hohe Dunkelz­if­fer von Virus­tra­gen­den gibt. Wenn man über­haupt nicht mehr testen würde, gäbe es höch­stens noch ‚Fälle‘, die in Spi­tal­labors ent­deckt wür­den.“ Let­ztere wären dann die tat­säch­lich Erkrank­ten, die entwed­er in Arzt­prax­en oder Kranken­häusern behan­delt wer­den und deren Zahl der eigentliche Gradmess­er für die Schwere eine Epi­demie ist. Der „Infos­per­ber“ macht seit einem Jahr wie andere auch auf die sta­tis­tis­che Verz­er­rung der soge­nan­nten Fal­lzahlen aufmerksam.

Doch es bleibt zu befürcht­en, dass sich daran kaum etwas ändert. Die regierende Poli­tik hat anscheinend kein Inter­esse daran, die Lage so darzustellen, wie sie tat­säch­lich ist. Die mit ihr ver­bun­de­nen etablierten Medi­en wer­den seit Beginn der Pan­demie ihrer Auf­gabe nicht gerecht, aufzuk­lären und kri­tisch zu hin­ter­fra­gen. Das wäre ger­ade angesichts der mas­siv­en Fol­gen der Coro­na-Poli­tik für die Gesellschaft notwendig. Zwar wach­sen in der Öffentlichkeit anscheinend Zweifel am Treiben der Regieren­den, aber noch wer­den die nur an Symp­tomen wie den Prob­le­men in der Impf-Kam­pagne fest­gemacht. Die grundle­gende Diag­nose des Geschehens und sein­er Hin­ter­gründe, für die zahlre­iche Experten und auch der Coro­na-Auss­chuss bere­its genug Mate­r­i­al geliefert haben, wird noch gescheut und ver­weigert. Den­noch bleibt sie weit­er notwendig: Es muss laut gesagt wer­den, was ist und warum es so ist. Damit es verän­dert wer­den kann.

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