Quel­le: 2020​news​.de

Von Tilo Gräser

Ich muss geste­hen, es fällt mir schwer, ange­sichts des anhal­ten­den poli­ti­schen Wahns noch etwas zu schrei­ben, was zur Auf­klä­rung bei­tra­gen könn­te. Längst haben sach- und fach­kun­di­ge Men­schen – alles ande­re als ver­meint­li­che „Coro­nal­eug­ner“ – alle Fak­ten und Daten benannt und beschrie­ben. Die auf die­ser fach­li­chen Grund­la­ge ein­ge­for­der­te Kurs­kor­rek­tur igno­rie­ren die Regie­ren­den von Bund und Län­dern. Und so set­zen sie ihre Lock­down-Poli­tik fort – aktu­ell mit einem „har­ten Oster-Lock­down“, wie nun seit der Nacht zum Diens­tag bekannt ist, auch wenn inzwi­schen dar­über gestrit­ten wird.

Aber auch in der Coro­na-Kri­se gilt, was einst der Sozi­al­de­mo­krat Fer­di­nand Lass­alle sinn­ge­mäß fest­stell­te: Um etwas zu ver­än­dern, bleibt es not­wen­dig, laut zu sagen, was ist. Des­halb schrei­be ich trotzdem.

Von Lass­al­les Erkennt­nis schei­nen unter ande­rem die SPD-Minis­ter­prä­si­den­ten, die die Lock­down-Poli­tik fort­set­zen wol­len, längst nichts mehr wis­sen zu wol­len. Ich bezweif­le, dass sie und ihre Kol­le­gen, ein­schließ­lich des Panik­pre­di­gers aus der SPD-Bun­des­tags­frak­ti­on Karl Lau­ter­bach, nicht wis­sen, was sie tun, dass sie etwa nur aus Unwis­sen­heit han­deln. Dazu sind die Daten und Fak­ten, die ihrer Poli­tik des Wahn­sinns wider­spre­chen, zu offen­sicht­lich und auch ihnen zugäng­lich. Es bleibt zu ver­mu­ten, dass dahin­ter Metho­de steckt, auch wenn das nur schwer beweis­bar ist. Das im Früh­jahr 2020 bekann­te gewor­de­ne Panik-Stra­te­gie­pa­pier aus dem Bun­des­in­nen­mi­nis­te­ri­um ist ein wich­ti­ges Indiz, reicht aber als Beweis allein nicht aus.

Der­zeit wird die all­ge­mei­ne Bevöl­ke­rung mit Hil­fe der eta­blier­ten Medi­en wei­ter­hin in Angst und Panik gehal­ten, so dass bei­spiels­wei­se vie­le frei­wil­lig die untaug­li­chen FFP2-Mas­ken tra­gen, selbst an der fri­schen Luft. Dafür nut­zen die regie­ren­den Poli­tik­dar­stel­ler die angeb­lich stei­gen­den „Infek­ti­ons­zah­len“ bzw. „Fall­zah­len“ sowie die Inzi­denz-Anga­ben. Als „Infek­tio­nen“ und „Fäl­le“ wer­den wei­ter­hin die posi­ti­ven Ergeb­nis­se der PCR-Tests sowie der soge­nann­ten Schnell­tests auf Anti­ge­ne bezeich­net. Das geschieht unab­hän­gig von der Feh­ler­haf­tig­keit der Tests und unge­ach­tet der mehr­fach beleg­ten Tat­sa­che, dass ein posi­ti­ver Test kei­ne Erkran­kung der jewei­li­gen Per­son nach­weist. Poli­tisch und medi­al wer­den die Ergeb­nis­se aber wei­ter­hin so dar­ge­stellt, dass der Ein­druck ent­steht, dass die gemel­de­ten Zah­len für Erkrank­te ste­hen. Auf den Test­ergeb­nis­sen grün­det die soge­nann­te Inzi­denz – mit die­ser wird die Anzahl neu auf­tre­ten­der Fäl­le in einer gege­be­nen Popu­la­ti­on wäh­rend einer bestimm­ten Zeit bezeichnet.

Im Fall der laut Welt­ge­sund­heits­or­ga­ni­sa­ti­on WHO vom Virus Sars-Cov‑2 aus­ge­lös­ten Krank­heit Covid-19 gibt das in der Bun­des­re­pu­blik zustän­di­ge Robert-Koch-Insti­tut (RKI) den ent­spre­chen­den Wert pro 100.000 Ein­woh­nern im Zeit­raum von sie­ben Tagen an. Das Insti­tut unter­steht dem Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­te­ri­um und wird der­zeit vom Tier­me­di­zi­ner Lothar Wie­ler gelei­tet. Den Mel­dun­gen zufol­ge steigt seit kur­zem die „Sie­ben-Tage-Inzi­denz“ wie­der an, nach­dem sie im Febru­ar fiel. Das ist der offi­zi­el­le Grund für die Regie­run­gen von Bund und Län­der, den Lock­down nun (vor­erst) von Ende März auf den 18. April zu ver­län­gern. Zuvor hat­ten sie bereits beschlos­sen, dass bei einem Anstieg der Zah­len auf einen Wert über 100 die „Not­brem­se“ gezo­gen wird. Damit sol­len even­tu­el­le vor­he­ri­ge „Locke­run­gen“ zurück­ge­nom­men und die bis­he­ri­gen Maß­nah­men wie­der ver­schärft wer­den kön­nen. Genau das geschieht nun – unab­hän­gig von der Ursa­che der stei­gen­den Wer­te und unge­ach­tet der zahl­rei­chen Kri­tik an den Inzi­denz-Zah­len als Kriterium.

„Gewal­ti­ges Problem“

Die­se Kri­tik wird bereits seit etwa einem Jahr geäu­ßert, seit die regie­ren­de Poli­tik die Inzi­denz als mit­ent­schei­den­den Wert in der Pan­de­mie ein­führ­te. In den letz­ten Wochen war sie ver­mehrt zu ver­neh­men – ohne Reak­ti­on bei den Regie­ren­den. „Die als ‚Inzi­denz­ra­te‘ bezeich­ne­te, auf 7 Tage bezo­ge­ne Zah­len­an­ga­be des RKI beruht auf einer unsys­te­ma­tisch gewon­ne­nen Stich­pro­be und ist nicht als vali­de Anga­be zur Neu­erkran­kungs­ra­te zu ver­ste­hen.“ Das erklär­te unter ande­rem die Exper­ten­grup­pe um den Gesund­heits­wis­sen­schaft­ler Mat­thi­as Schrap­pe am 12. März auf der von ihnen betrie­ben Web­sei­te „coro​na​-netz​werk​.info“.

Schrap­pe hat mit ver­schie­de­nen Kol­le­gen bereits in meh­re­ren gemein­sa­men The­sen­pa­pie­ren zur Pan­de­mie auf die­sen Umstand hin­ge­wie­sen, so im sechs­ten The­sen­pa­pier vom 24. Novem­ber 2020. „In der gegen­wär­ti­gen Situa­ti­on liegt kein ein­zi­ges Merk­mal vor, das für die Ver­wen­dung des Begriffs ‚Inzi­denz‘ not­wen­dig wäre“, wur­de dort unter ande­rem fest­ge­stellt. Und wei­ter: „Letzt­lich lässt sich die Situa­ti­on leicht auf­lö­sen: bei den täg­li­chen Berich­ten des Robert Koch-Insti­tu­tes (RKI) han­delt es sich nicht um eine Inzi­denz oder eine ‚7‑Ta­ge-Inzi­denz‘, son­dern um eine Kom­bi­na­ti­on von meh­re­ren ‚1‑Ta­ges-Inzi­den­zen‘“, so die Wis­sen­schaft­ler. Der Begriff der „Sie­ben-Tages-Inzi­denz“ wer­de auf der euro­päi­schen Ebe­ne gar nicht ver­wen­det. Das Euro­pean Cen­ter of Dise­a­se Con­trol (ECDC) spre­che „rich­ti­ger­wei­se von noti­fi­ca­ti­on rates, also von Melderaten“.

„Das Pro­blem ist gewal­tig“, hob die Grup­pe um Schrap­pe her­vor, denn es bestim­me die gesam­te wei­te­re Dis­kus­si­on. Wer den Begriff der „Inzi­denz“ ver­wen­de gebe vor, er habe eine Kennt­nis der in einem Zeit­raum (sie­ben Tage) tat­säch­lich neu auf­tre­ten­den Infek­tio­nen und kön­ne dar­an die Ent­wick­lung zutref­fend able­sen. Die Wis­sen­schaft­ler stell­ten fest: „Aller­dings ist die­se Hand­lungs­grund­la­ge nicht trag­fä­hig, zum ande­ren wird auf die­se Wei­se der drin­gend not­wen­di­ge Weg zur Nut­zung sinn­vol­le­rer Vor­ge­hens­wei­sen ver­sperrt.“ Sie warn­ten zudem: „Der durch den Begriff ‚Inzi­denz‘ bzw. ‚7‑Ta­ges-Inzi­denz‘ geweck­te Ein­druck, man wis­se über den Stand der Epi­de­mie und die tat­säch­lich in einem Zeit­raum auf­tre­ten­den Neu­erkran­kun­gen Bescheid, täuscht und unter­gräbt die Glaub­wür­dig­keit des poli­ti­schen Handelns.“

„Vie­le-Tage-Unsinns-Wert“

In der 44. Sit­zung des Coro­na-Aus­schus­ses am 19. März hat­te der Fach­in­for­ma­ti­ker Hen­drik Pötzsch­ke das regie­rungs­of­fi­zi­el­le Zah­len­thea­ter um die Inzi­denz aus­ein­an­der genom­men. Er ana­ly­siert seit Som­mer 2020 die offi­zi­el­len Zah­len des RKI und macht die Ergeb­nis­se auf der Web­site von „Quer­den­ken 841“ öffent­lich. Um mehr Men­schen auf­klä­ren zu kön­nen, begann er nach sei­nen Wor­ten, die Zah­len in You­tube-Vide­os zu erklären.

Pötzsch­ke nennt den „Sieben-Tage-Inzidenz“-Wert des RKI den „Vie­le-Tage-Unsinns-Wert“. Zu den jeweils vom RKI gemel­de­ten neu­en „Fäl­len“ beton­te er gegen­über dem Aus­schuss, dass die­se Daten zum Teil nicht neu sind, also nicht inner­halb der jeweils letz­ten 24 Stun­den ermit­telt wur­den. Sie sei­en nur neu in die offi­zi­el­le Sta­tis­tik ein­ge­gan­gen und wür­den von Poli­tik und Medi­en falsch dar­ge­stellt. Der Infor­ma­ti­ker ver­wies auf die Mel­de­da­ten der vom RKI ver­öf­fent­lich­ten Anga­ben, die ent­schei­dend sei­en. Die­se zei­gen, dass die jeweils berück­sich­tig­ten „Fall“-Zahlen zum Teil bis zu einem Jahr alt sind. Er arbei­tet die offi­zi­el­len Daten in eige­nen Gra­fi­ken auf und ver­sucht damit zu zei­gen, wie die­se tat­säch­lich zu ver­ste­hen sind. Dabei macht Pötzsch­ke auch einen Unter­schied zwi­schen „Fäl­len“ mit und ohne Symptome.

Wür­den nur die tat­säch­lich gemel­de­ten Fäl­le der letz­ten sie­ben Tage berech­net, sei­en die vom RKI gemel­de­ten Inzi­den­zen nied­ri­ger als ange­ge­ben, erklär­te er gegen­über dem Aus­schuss. Für den 19. März 2021 hät­te danach ein Wert von 77 „Neu­in­fek­tio­nen“ je 100.0000 Ein­woh­nern bun­des­weit statt der offi­zi­el­len Zahl 95,6 berich­tet wer­den müs­sen. Wür­den nur die „Fäl­le“ mit Sym­pto­men, also die wirk­lich Erkrank­ten, berück­sich­tigt, läge die RKI-Inzi­denz bei 38,77. Der tat­säch­li­che Wert der letz­ten sie­ben Tage läge aber bei nur 20,21, wie Pötzsch­ke in sei­nem Vor­trag zeigte.

„Dann sind die Zah­len doch kom­plett falsch“, kom­men­tier­te Rei­ner Füll­mich, einer der vier Anwäl­te des Aus­schus­ses, in der Sit­zung die­se Infor­ma­tio­nen. Aus sei­ner Sicht gibt es nur zwei Erklä­run­gen: Die ver­ant­wort­li­chen Wis­sen­schaft­ler vom RKI wüss­ten ent­we­der nicht, was sie tun – „oder das ist Kor­rup­ti­on, das ist Absicht“. „So sehe ich das auch“, ant­wor­te­te Infor­ma­ti­ker Pötzsch­ke. Die Zah­len müss­ten auf­grund der Fol­gen wie den beschnit­te­nen Grund­rech­ten der Bür­ger sehr genau sein. Es wer­de aber „alles getan, um der Bevöl­ke­rung zu sug­ge­rie­ren, dass es ganz vie­le Infek­tio­nen gibt“, so Füll­mich dazu.

Pötzsch­ke wies nach, das auch bei den täg­lich gemel­de­ten „Neu­in­fek­tio­nen inner­halb von 24 Stun­den“ Daten aus dem Jahr 2020 ein­be­zo­gen wer­den. So hat­ten von den am 19. März gemel­de­ten neu­en 17.482 „Fäl­len“ nur 11.693 das Mel­de­da­tum 18. März 2021. Von die­sen sei­en 8.552 an dem Tag als erkrankt gemel­det wor­den. Ähn­lich sieht es den Erläu­te­run­gen des Infor­ma­ti­kers nach bei den Zah­len der „im Zusam­men­hang mit Covid-19“ Ver­stor­be­nen aus. Die­se wur­den am Tag der Sit­zung von RKI mit 227 ange­ge­ben – auf Grund­la­ge von Anga­ben, die laut Pötzsch­ke bis in den Okto­ber 2020 zurück­rei­chen. Bei einem Durch­schnitts­wert von 13 Tagen von der Erkran­kung bis zum Verster­ben wür­den tat­säch­lich für den 19. März nur 57 „Coro­na-Tote“ gemel­det wer­den kön­nen, wobei nur für 22 ange­ge­ben wur­de, dass bei ihnen Sym­pto­me regis­triert wurden.

Die Rol­le der Tests

Doch von sol­chen Ana­ly­sen las­sen sich die Regie­ren­den nicht beir­ren, schon gar nicht wenn sie von einem unab­hän­gi­gen Infor­ma­ti­ker kom­men. Unbe­ein­druckt blie­ben sie bei ihren jüngs­ten Ent­schei­dun­gen anschei­nend eben­falls von Aus­sa­gen wie denen der Land­rä­tin des Land­krei­ses Greiz in Thü­rin­gen, Mar­tin Schweins­burg (CDU). Der Kreis ver­zeich­net

in den letz­ten Tagen eine „Sie­ben-Tage-Inzi­denz“ von mehr als 500 (568,8 am 22.03.2021, 15:00 Uhr). In einem Inter­view mit der Zei­tung „Der Tages­spie­gel“, online ver­öf­fent­licht am 19. März, erklär­te Schweins­burg auf die Fra­ge, wor­auf sie „die deutsch­land­weit mit Abstand höchs­te Inzi­denz in Greiz“ zurück­füh­re: „Auf die Mehr­zahl an Tests.“ Mit einer Tage zuvor gestar­te­ten Schnell­test-Kam­pa­gne wür­den auch alle sym­ptom­lo­sen Kon­takt­per­so­nen von als infi­ziert Gemel­de­ten getes­tet. Von bis dahin fast 1.000 Per­so­nen ohne Sym­pto­me sei­en fast ein Drit­tel als „posi­tiv“ getes­tet wor­den, berich­te­te die Landrätin.

Sie erklär­te wei­ter, dass das „Infek­ti­ons­ge­sche­hen“ nicht auf die leich­ten Locke­run­gen wie bei­spiels­wei­se geöff­ne­te Geschäf­te und Restau­rants zurück­zu­füh­ren sei: „Der stei­le Anstieg ist statt­des­sen zeit­lich recht klar auf die Zunah­me der Test­ka­pa­zi­tä­ten zurück­zu­füh­ren. Und die Zah­len wer­den noch wei­ter stei­gen: Denn wer sucht, der wird auch fin­den.“ Den­noch sei die gesund­heit­li­che Lage im Land­kreis über­schau- und beherrsch­bar, wider­sprach Schweins­burg Kata­stro­phen­sze­na­ri­en. Das Bei­spiel Greiz ist nur eines von zahl­rei­chen, die zei­gen, dass das Zah­len­thea­ter der Regie­ren­den nur wenig mit den Rea­li­tä­ten zu tun hat – aber umso mehr Fol­gen für das Leben der Bun­des­bür­ger hat.

Wie Infor­ma­ti­ker Pötzsch­ke gegen­über dem Coro­na-Aus­schuss deut­lich mach­te, ist der Inzi­denz-Wert jeweils von den Fak­to­ren abhän­gig, die ein­be­rech­net wer­den, bis hin zur Ein­woh­ner­zahl des betrof­fe­nen Ortes oder Land­krei­ses. Dar­auf haben seit Mona­ten ver­schie­de­ne Wis­sen­schaft­ler und Exper­ten hin­ge­wie­sen. Auf die mas­si­ve Abhän­gig­keit des Inzi­denz­wer­tes von der Zahl der durch­ge­führ­ten Tests mach­ten die bei­den Mathe­ma­ti­ker Tho­mas Rie­ß­in­ger und Micha­el Horn am 16. März in einem Gast­bei­trag für den Blog des Jour­na­lis­ten Boris Reit­schus­ter auf­merk­sam. So sei der Wert durch Poli­tik und Behör­den „in hohem Maße steu­er­bar“, stell­ten sie fest.

Bei der Covid-19-Inzi­denz müss­te es sich den Defi­ni­tio­nen nach „um die Anzahl der an Covid-19 Neu­erkrank­ten inner­halb eines Zeit­raums von sie­ben Tagen han­deln“, so Rie­ß­in­ger und Horn. Aber: „Gezählt wer­den dabei auch und ins­be­son­de­re Fäl­le, bei denen nichts wei­ter als ein posi­ti­ver PCR-Test vor­liegt“, stel­len sie mit Blick auf die RKI-Anga­ben fest. Die Autoren ver­wie­sen auf eine Rei­he von Fak­to­ren, die die Test­ergeb­nis­se als nicht sicher und aus­sa­ge­fä­hig erschei­nen las­sen. Der viel­be­schwo­re­ne Inzi­denz­wert sei „durch Test­stra­te­gie und Tes­t­an­zahl in hohem Maße steu­er­bar, was die schon erwähn­te Schmä­le­rung sei­ner Aus­sa­ge­kraft noch ein­mal stei­gern dürf­te“, so die bei­den Mathematiker.

„Noch immer sind nicht alle Aspek­te unter­sucht, denn es stellt sich nun die Fra­ge, ob die zukünf­tig in gro­ßer Zahl vor­ge­se­he­nen Schnell­tests einen wei­te­ren Ein­fluss auf die Inzi­denz haben wer­den“ stell­ten sie fest. Der Wert ist nach ihren Anga­ben abhän­gig vom Ct-Wert und der Such­stra­te­gie des PCR-Tests, eben­so von der Test­stra­te­gie und der Tes­t­an­zahl. So könn­ten „in Bezug auf klei­ne­re Bevöl­ke­rungs­ein­hei­ten aus klei­nen Ursa­chen gro­ße Wir­kun­gen erzeu­gen“. Die Rate falsch posi­ti­ver Tes­tun­gen müs­se eben­falls berück­sich­tigt wer­den. „Sehr vie­le Neben­be­din­gun­gen für eine ein­zi­ge Zahl“, mei­nen Rie­ß­in­ger und Horn dazu.

Stu­den­ti­sches Wissen

Ein Mathe­ma­tik-Stu­dent aus Bay­risch Gmain im Land­kreis Berch­tes­ga­de­ner Land sorgt der­zeit mit einem Video für Auf­merk­sam­keit, weil er nach­ge­rech­net hat. Auch er kommt dar­auf, dass die offi­zi­el­len Inzi­denz­wer­te untaug­lich sind, um die tat­säch­li­che Lage zu beschrei­ben. Der Hei­mat­kreis von Patrick Schön­herr befin­det sich im längs­ten Lock­down in der Bun­des­re­pu­blik, auch wenn der Medi­en­be­rich­ten zufol­ge ohne Wir­kung bleibt. Sei­ne Rech­nung sei auch „für Nicht-Mathe­ma­ti­ker leicht nach­voll­zieh­bar“, sag­te der Stu­dent der Zei­tung „Traun­stei­ner Tag­blatt“, die am 15. März über ihn berich­te­te. Die mathe­ma­ti­schen Grund­la­gen sei­en Stoff der sieb­ten Klas­se, wur­de Schön­herr zitiert.

Ent­schei­dend ist nach sei­nen Wor­ten, nicht auf die abso­lu­ten Zah­len der posi­tiv Getes­te­ten pro 100.000 Ein­woh­ner zu schau­en. „Es müss­ten auch die nega­ti­ven Tests bezie­hungs­wei­se die Gesamt­zahl der gemach­ten Tests berück­sich­tigt wer­den“, zitiert ihn die Zei­tung. Es müss­te berech­net wer­den, wie hoch die Inzi­denz wäre, wenn alle immer gleich viel tes­ten wür­den. „In Schön­herrs Rechen­bei­spiel hät­te der Inzi­denz­wert im Berch­tes­ga­de­ner Land ver­gan­ge­ne Woche nicht 89 betra­gen, son­dern 29.“ Der ange­hen­de Mathe- und Phy­sik­leh­rer hat laut dem Blatt die Test­zah­len im Berch­tes­ga­de­ner Land und bun­des­weit ver­gli­che und die Test­quo­te berech­net. Rein rech­ne­risch sei­en deutsch­land­weit seit dem Jah­res­wech­sel 1,52 Pro­zent der Bevöl­ke­rung pro Woche getes­tet wor­den, im Berch­tes­ga­de­ner Land fast dop­pelt so vie­le: 2,85 Pro­zent. In der letz­ten Febru­ar­wo­che sei der Unter­schied noch grö­ßer gewe­sen: 1,4 Pro­zent in Deutsch­land und 5,8 Pro­zent im Berch­tes­ga­de­ner Land.

Das hat Schön­herr dem Bericht nach mit der Quo­te der posi­ti­ven Test­ergeb­nis­se hoch­ge­rech­net, um her­aus­zu­fin­den, wie vie­le posi­ti­ve Fäl­le es jeweils geben wür­de, wenn bei­spiels­wei­se ein­heit­lich 1,5 Pro­zent der Ein­woh­ner getes­tet wür­den. Im Ergeb­nis zeigt sich, dass der bun­des­wei­te Wert gleich blie­be, aber für das Berch­tes­ga­de­ner Land „eine Inzi­denz weit unter 50“ her­aus­kä­me. Schön­herrs Fazit gegen­über der Zei­tung: „Auf­grund der hohen Test­zah­len stellt die aktu­el­le Inzi­denz­wert­be­rech­nung die Lage im Berch­tes­ga­de­ner Land stark ver­zerrt dar.“ Die Lage sei „deut­lich bes­ser als im deut­schen Durch­schnitt, nächs­te Öff­nungs­schrit­te wären die logi­sche Kon­se­quenz“. Der Stu­dent mach­te dem „Tag­blatt“ auf zahl­rei­che unzu­rei­chen­de Daten auf­merk­sam, die das RKI ver­öf­fent­li­che, so dass eine kor­rek­te Berech­nung erschwert wer­de. „Die Zahl der Tests bezie­hungs­wei­se der getes­te­ten Per­so­nen müss­te berück­sich­tigt wer­den, wenn es um Locke­run­gen und Ein­schrän­kun­gen geht“, gibt die Zei­tung eine Dis­kus­si­on zu Schön­herrs Berech­nun­gen wieder.

Kri­tik von Statistikern

Das Pro­blem der unzu­rei­chen­den Daten­grund­la­ge ist nicht neu und wur­de eben­falls immer wie­der von Fach­leu­ten benannt, seit­dem die Covid-19-Pan­de­mie am 11. März 2020 aus­ge­ru­fen und ent­spre­chen­de Maß­nah­men beschlos­sen wur­den. Zu den kri­ti­schen Exper­ten gehört der Sta­tis­ti­ker Gerd Bos­bach, Autor unter ande­rem des Buches „Lügen mit Zah­len“, das er gemein­sam mit Jens Jür­gen Korff ver­öf­fent­lich­te. Auf der gemein­sa­men Web­sei­te „www​.lue​gen​-mit​-zah​len​.de“ äußer­te sich Bos­bach Ende Febru­ar erneut zu den Zah­len im Zusam­men­hang mit Covid-19. Die Erhö­hung der Anzahl der Schnell­tests kommt für ihn neben den Virus-Muta­tio­nen als eine Ursa­che der sta­gnie­ren­den bezie­hungs­wei­se stei­gen­den posi­ti­ven Test­ergeb­nis­se in Fra­ge, nach­dem die­se im Febru­ar erst san­ken. „Der Spruch ‚Wer viel sucht, fin­det auch viel‘ passt bei Coro­na gut, da mit den Schnell­tests auch sym­ptom­lo­se oder nur leicht erkrank­te auf­ge­deckt und über einen PCR-Test posi­tiv getes­tet wer­den“, so der Statistiker.

„Hät­ten wir reprä­sen­ta­ti­ve Unter­su­chun­gen zur aktu­el­len Ver­brei­tung des Virus, wie schon im Früh­jahr 2020 gefor­dert, wäre es klar. Steigt der Anteil der Infi­zier­ten, liegt es wohl an den Mutan­ten. Steigt er nicht, brin­gen die ver­mehr­ten Tests nur mehr bis­her unent­deck­te Fäl­le zu Tage, sinkt die Dun­kel­zif­fer. Da die­se Unter­su­chun­gen nicht exis­tie­ren, ver­blei­ben uns nur Krü­cken zum Ver­such der Beant­wor­tung.“ Bos­bach mein­te im Febru­ar: „Die Fol­gen der für März geplan­ten Schnell­test­aus­wei­tun­gen für die Zahl der posi­tiv Getes­te­ten (und damit die Inzi­denz) ist klar. Salopp aus­ge­drückt: ‚Die heu­ti­ge 35 ist die 70 bei Hal­bie­rung der Dun­kel­zif­fer.‘ Ob die Ent­schei­der das berück­sich­ti­gen?“ Die Regie­ren­den haben das anschei­nend nega­tiv beant­wor­tet, wenn sie denn über­haupt die Fra­gen von Bos­bach zur Kennt­nis nahmen.

Gegen die pau­scha­le „Sie­ben-Tage-Inzi­denz“ sprach sich Mit­te März der Sta­tis­ti­ker Gör­an Kau­er­mann aus. Er arbei­tet an der Münch­ner Lud­wig-Maxi­mi­li­ans-Uni­ver­si­tät und gehört zu deren „Covid-19 Data Ana­ly­sis Group“ (https://​www​.covi​d19​.sta​tis​tik​.uni​-muen​chen​.de/​i​n​d​e​x​.​h​tml). Sei­ner Mei­nung nach braucht es neue Werk­zeu­ge, um die Hef­tig­keit der Pan­de­mie in Deutsch­land zu beschrei­ben. Im Inter­view mit der Zei­tung „Münch­ner Mer­kur“ (Aus­ga­be 13./14. März 2021) erklär­te Kau­er­mann unter ande­rem: „Wo genau der Schwel­len­wert liegt, ist eine poli­ti­sche Ent­schei­dung. Wich­tig ist dabei aber etwas ande­res: Die Sie­ben-Tage-Inzi­denz­wer­te von heu­te sind nicht ver­gleich­bar mit denen, die wir im Novem­ber hatten.“

Es sei­en ande­re Alters­grup­pen betrof­fen – nach­dem bei den Älte­ren die Wer­te sin­ken wür­den, wür­den nun immer mehr Jün­ge­re posi­tiv getes­tet. Bei den jün­ge­ren Alters­grup­pen wür­den die Inzi­den­zen stei­gen, unter ande­rem weil mehr getes­tet wer­de, so in Schu­len und Kin­der­ta­ges­stät­ten. Dadurch sin­ke die bis­he­ri­ge Dun­kel­zif­fer der Infek­tio­nen, wie auch Kau­er­mann die posi­ti­ven Test­ergeb­nis­se bezeich­net. Er mach­te zudem dar­auf auf­merk­sam: „Die Todes­zah­len gehen immer wei­ter run­ter. Auch in unse­ren Hoch­rech­nun­gen über zukünf­ti­ge Todes­zah­len ist ein Abwärts­trend zu beobachten.“

Der Münch­ner Sta­tis­ti­ker for­der­te, infol­ge des sich ver­än­dern­den Test­ge­sche­hens „ viel fle­xi­bler und detail­lier­ter auf die Zah­len“ zu schau­en. „Der deut­sche Fokus allein auf die Inzi­denz war schon im Novem­ber nicht dien­lich und ist es heu­te auch nicht“, so Kau­er­mann. „Das Maß der Din­ge sind für mich aber die Neu­auf­nah­men in den Kran­ken­häu­sern und ins­be­son­de­re auf den Inten­siv­sta­tio­nen. Ein ent­schei­den­der Wert, der bis­her aber nicht all­ge­mein zur Ver­fü­gung steht.“

Not­wen­di­ge Dia­gno­se fehlt

Doch der seit lan­gem ein­ge­for­der­te genaue­re Blick auf die tat­säch­li­che Lage im Zusam­men­hang mit Covid-19 bleibt wei­ter­hin aus, wie die neu­es­ten poli­ti­schen Ent­schei­dun­gen zei­gen. Im Schwei­zer Online-Maga­zin „Info­sper­ber“ wur­de am 22. März fest­ge­stellt: „Die wie­der stei­gen­de Zahl der posi­tiv Getes­te­ten wird ohne Zusam­men­hang prä­sen­tiert.“ Am „unsin­nigs­ten“ sei­en die Tages­zah­len. „Selbst ein Jahr nach Aus­bruch der Coro­na-Epi­de­mie infor­mie­ren Medi­en und manch­mal auch Behör­den an Medi­en­kon­fe­ren­zen immer noch über die Fall­zah­len, ohne sie mit der Men­ge der durch­ge­führ­ten Tests zu ver­glei­chen“, so der Befund von Autor Urs P. Gas­che, der nicht nur für die Schweiz zutrifft. „Die nöti­gen Daten sind auf Web­sei­ten der Behör­den und Medi­en durch­aus zu fin­den, aber man stellt sie nur sel­ten in einen Zusammenhang.“

Für Gas­che ist es „ein­leuch­tend: Je mehr getes­tet wird, des­to mehr Fäl­le wer­den ent­deckt, weil es – nicht nur unter den Jun­gen – eine unbe­kannt hohe Dun­kel­zif­fer von Virus­tra­gen­den gibt. Wenn man über­haupt nicht mehr tes­ten wür­de, gäbe es höchs­tens noch ‚Fäl­le‘, die in Spi­tal­la­bors ent­deckt wür­den.“ Letz­te­re wären dann die tat­säch­lich Erkrank­ten, die ent­we­der in Arzt­pra­xen oder Kran­ken­häu­sern behan­delt wer­den und deren Zahl der eigent­li­che Grad­mes­ser für die Schwe­re eine Epi­de­mie ist. Der „Info­sper­ber“ macht seit einem Jahr wie ande­re auch auf die sta­tis­ti­sche Ver­zer­rung der soge­nann­ten Fall­zah­len aufmerksam.

Doch es bleibt zu befürch­ten, dass sich dar­an kaum etwas ändert. Die regie­ren­de Poli­tik hat anschei­nend kein Inter­es­se dar­an, die Lage so dar­zu­stel­len, wie sie tat­säch­lich ist. Die mit ihr ver­bun­de­nen eta­blier­ten Medi­en wer­den seit Beginn der Pan­de­mie ihrer Auf­ga­be nicht gerecht, auf­zu­klä­ren und kri­tisch zu hin­ter­fra­gen. Das wäre gera­de ange­sichts der mas­si­ven Fol­gen der Coro­na-Poli­tik für die Gesell­schaft not­wen­dig. Zwar wach­sen in der Öffent­lich­keit anschei­nend Zwei­fel am Trei­ben der Regie­ren­den, aber noch wer­den die nur an Sym­pto­men wie den Pro­ble­men in der Impf-Kam­pa­gne fest­ge­macht. Die grund­le­gen­de Dia­gno­se des Gesche­hens und sei­ner Hin­ter­grün­de, für die zahl­rei­che Exper­ten und auch der Coro­na-Aus­schuss bereits genug Mate­ri­al gelie­fert haben, wird noch gescheut und ver­wei­gert. Den­noch bleibt sie wei­ter not­wen­dig: Es muss laut gesagt wer­den, was ist und war­um es so ist. Damit es ver­än­dert wer­den kann.

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