Quel­le: ansa​ge​.org

Ansa­ge doku­men­tiert nach­fol­gend den Offe­nen Brief eines Teil­neh­mers einer Pro­test­ak­ti­on von letz­tem Don­ners­tag in Erfurt, gerich­tet ans dor­ti­ge Poli­zei­prä­si­di­um und den ver­ant­wort­li­chen Dienst­stel­len­lei­ter, in einem wei­te­ren Sinn aber an alle Ein­satz­kräf­te, die bei den Spa­zier­gän­gen und Demons­tra­tio­nen die­ser Tage Dienst tun.

Sehr geehr­te Damen und Her­ren Polizisten!

Am 30. Dezem­ber 2021 habe ich mich nach Erfurt auf den Vor­platz am Dom zu einem gemein­sa­men Spa­zier­gang bzw. die Bil­dung einer Lich­ter­ket­te mit ande­ren Gleich­ge­sinn­ten bege­ben. „Gleich­ge­sinn­te“ in die­sem Zusam­men­hang sind

• eigen­stän­dig den­ken­de Men­schen, die an einem fried­li­chen und selbst­be­stimm­ten Zusam­men­le­ben inter­es­siert sind;

• Per­so­nen, die das Recht auf Leben und kör­per­li­che Unver­sehrt­heit gemäß GG Arti­kel 2, Absatz 1 in Anspruch nehmen;

• Per­so­nen, die das Recht auf eine fried­li­che Ver­samm­lung gemäß GG Arti­kel 8, Absatz 1 
in Anspruch nehmen;

• alle, die Duck­mäu­ser­tum und Kada­ver­ge­hor­sam ablehnen.

Groß­auf­ge­bot an Mensch und Material

Beim Ein­tref­fen auf dem Platz vor dem Dom war zu erken­nen, dass sich die Poli­zei mit einem Groß­auf­ge­bot an Mensch und Mate­ri­al bereits in Stel­lung gebracht hat­te. Im ers­ten Augen­blick nahm ich an, die­ses sol­le dem Schutz der sich auf dem Dom­platz befind­li­chen Spa­zier­gän­ger die­nen. Die Spa­zier­gän­ger stan­den bzw. lie­fen in klei­nen Grup­pen unter Ein­hal­tung der Abstands­re­ge­lun­gen umher. Es wur­de weder gelärmt noch gepö­belt, noch geschah irgend­et­was ande­res, was den Unmut der Ord­nungs­kräf­te hät­te auf sich zie­hen können. 

Unge­ach­tet des­sen kam wenig spä­ter eine Grup­pe von ca. sechs Ein­satz­kräf­ten der Poli­zei auf uns zu und griff sich wahl­los einen der Teil­neh­mer aus der Men­ge (alle ohne Mas­ke). In der Fol­ge wur­de die­se Per­so­nen auf­ge­for­dert, eine Mas­ke zu tra­gen, die­se sei not­wen­dig. Auf die Fra­ge, wor­auf die­se angeb­li­che Not­wen­dig­keit basie­re, wur­de geant­wor­tet, gemäß der All­ge­mein­ver­fü­gung der Stadt Erfurt vom 21.12.2021 sei „…in der Innen­stadt der Stadt Erfurt eine Mas­ke zu tragen”.

Auf die Fra­ge, wie sich der Bereich der Innen­stadt genau defi­nie­re, wur­de nicht beant­wor­tet. Da der genann­te Mann sich wei­ger­te, eine Mas­ke zu tra­gen, wur­de er auf­ge­for­dert, sei­nen Per­so­nal­aus­weis zwecks Auf­nah­me sei­ner per­sön­li­chen Daten vor­zu­le­gen. Die lehn­te er ab. Kurz dar­auf stürz­ten sich meh­re­re Ein­satz­kräf­te auf ihn, ran­gen ihn zu Boden, leg­ten ihm Hand­schel­len an und führ­ten ihn ab.

Feh­len­de Rechtsgrundlage

Ich möch­te an die­ser Stel­le ergän­zen, dass für den Platz vor dem Dom die o.g. All­ge­mein­ver­fü­gung vom 21.12.2021 nicht anzu­wen­den war, weil dar­in in Absatz 1, Zif­fer 1 aus­drück­lich defi­niert ist, wo die Mas­ken­pflicht auch im Frei­en gilt, und es um kei­nen der dar­in auf­ge­führ­ten Berei­che handelte:

„Das Tra­gen einer qua­li­fi­zier­ten Gesichts­mas­ke im öffent­li­chen Raum wird wie folgt ver­fügt: (…) An fol­gen­den Orten ist im öffent­li­chen Raum außer­halb geschlos­se­ner Räu­me eine qua­li­fi­zier­te Gesichts­mas­ke nach § 6 Abs. 2 ThürS­ARS-CoV-2-lfS-MaßnVO zu tragen:
• auf dem auf­grund der Wochen­markt­sat­zung fest­ge­setz­ten Wochenmarkt,
• in Warteschlangen,
• auf Spe­zi­al­märk­ten sowie Floh- oder Trödelmärkten,
• an nach der StVO aus­ge­wie­se­ne Hal­te­stel­len­be­rei­che (Zei­chen 224),
• in nach der StVO aus­ge­wie­se­ne Fuß­gän­ger­zo­nen (Zei­chen 242.1),
• in Straßenunterführungen,
• bei Betre­ten und Auf­ent­halt von/​an Orten zur Abga­be von Spei­sen und Geträn­ken zum Mit­neh­men bzw. Aus­lie­fern sowie
• an vor Ort gekenn­zeich­ne­ten Bereichen.“

Fer­ner heißt es dort explizit:

„Die Ver­pflich­tung zur Ver­wen­dung einer qua­li­fi­zier­ten Gesichts­mas­ke gilt nicht für
1. Kin­der bis zur Voll­endung des sechs­ten Lebensjahres,
2. Per­so­nen, denen die Ver­wen­dung einer qua­li­fi­zier­ten Gesichts­mas­ke wegen Behin­de­rung oder aus gesund­heit­li­chen oder ande­ren Grün­den nicht mög­lich oder unzu­mut­bar ist; dies ist in geeig­ne­ter Wei­se glaub­haft zu machen, oder
3. gehör­lo­se und schwer­hö­ri­ge Men­schen und Per­so­nen, die mit ihnen kom­mu­ni­zie­ren, sowie ihre Begleitpersonen.”

In die­sem Zusam­men­hang fra­ge ich mich, wie es dazu kommt, dass vor Ort mehr als 10 Ein­satz­fahr­zeu­ge der Poli­zei ein­schließ­lich der erfor­der­li­chen Ein­satz­kräf­te ein­ge­setzt wer­den, um eine fried­li­che Demons­tra­ti­on zu stö­ren. Ich kann mir vor­stel­len, wenn Poli­zei­ein­sät­ze in ähn­li­cher Wei­se in Minsk (im Herr­schafts­be­reich von Herrn Luka­schen­ko, dem letz­ten Dik­ta­tor Euro­pas) statt­fin­den; dann wür­de unser Staats­funk (GEZ-Medi­en: ARD, ZDF) im Chor ihr Lied über die Ver­let­zung der Men­schen­rech­te vor­tra­gen. Wenn das­sel­be jedoch mit­ten in Deutsch­land, in der Lan­des­haupt­stadt des Frei­staa­tes Thü­rin­gen pas­siert, ist das augen­schein­lich recht uninteressant.

Amne­sie bei den Einsatzkräften?

Ich möch­te an die­ser Stel­le außer­dem mei­ne Ver­wun­de­rung über die offen­kun­di­ge Ver­gess­lich­keit bzw. Amne­sie der ein­ge­setz­ten Ein­satz­kräf­te und ins­be­son­de­re deren Vor­ge­setz­ten zum Aus­druck brin­gen. Denn jeder Poli­zist, der an die­sem Ein­satz betei­ligt war, hat offen­bar den Wort­laut sei­nes geleis­te­ten Dienst­ei­des ver­ges­sen, der gemäß § 36 des Thü­rin­ger Beam­ten­ge­setz lautet:

„Beam­te haben fol­gen­den Dienst­eid zu leis­ten: Ich schwö­re, das Grund­ge­setz für die Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land und die Ver­fas­sung des Frei­staats Thü­rin­gen sowie alle in der Bun­des­re­pu­blik gel­ten­den Geset­ze zu wah­ren und mei­ne Amts­pflich­ten gewis­sen­haft und unpar­tei­isch zu erfül­len, so wahr mir Gott helfe. (…).”

In Ihrem Dienst­eid geht es also zuvor­dest um die Ein­hal­tung des Grund­ge­set­zes, der Ver­fas­sung des Frei­staa­tes Thü­rin­gen sowie aller in der Bun­des­re­pu­blik gel­ten­den Geset­ze. Die Durch­set­zung der All­ge­mein­ver­fü­gung einer Stadt­ver­wal­tung ist somit nicht die Auf­ga­be der Poli­zei. Gera­de hin­sicht­lich von fried­li­chen Spa­zier­gän­gern und Bür­gern, die eine Lich­ter­ket­te bil­den, möch­te ich dar­auf hin­wei­sen, dass deren Han­deln durch das Grund­ge­setz, Arti­kel 8, Absatz 1 („Alle Deut­schen haben das Recht, sich ohne Anmel­dung oder Erlaub­nis fried­lich … zu ver­sam­meln”) voll­um­fäng­lich gedeckt ist.

Die­se Spa­zier­gän­ger ver­tei­di­gen der­zeit die uns per Grund­ge­setz zuge­si­cher­te Demons­tra­ti­ons­frei­heit und somit unser Grund­ge­setz bzw. die Demo­kra­tie. Ich möch­te an die­ser Stel­le mein kom­plet­tes Unver­ständ­nis dar­über zum Aus­druck brin­gen, dass die Poli­zei ver­sucht die­ses zu ver­hin­dern bzw. zu unter­bin­den. In der Ver­gan­gen­heit gab es des öfte­ren Bei­spie­le dafür, dass die Poli­zis­ten – bis hin­auf zum stell­ver­tre­ten­den Poli­zei­chef einer gro­ßen deut­schen Stadt – den Unter­schied zwi­schen der gel­ten­den Rechts­la­ge und Ihrer per­sön­li­chen Rechts­auf­fas­sung nicht mehr voll­um­fäng­lich ein­schät­zen konn­ten. Ich spie­le auf den Fall des stell­ver­tre­ten­de Poli­zei­chefs von Frank­furt a. M. an, der einst einem Beschul­dig­ten Fol­ter androh­te und der spä­ter ver­ur­teilt wur­de. Aus der Urteils­be­grün­dung ging her­vor, dass auch er strikt nach Recht und Gesetz zu han­deln hat. In dem genann­ten Fall ging es um das Leben eines klei­nen Jungen.

Die Poli­zei steht nicht über Recht und Gesetz

Der durch die Erfur­ter Poli­zei bedräng­te Per­so­nen­kreis (Spa­zier­gän­ger, Lich­ter­ket­te) ist stell­ver­tre­tend für einen nicht uner­heb­li­chen Teil der Gesell­schaft auf die Stra­ße gegan­gen. Die­sen Per­so­nen geht es um das Grund­recht auf Leben und kör­per­li­che Unver­sehrt­heit gemäß Grund­ge­setz, Arti­kel 2. In die­sem Zusam­men­hang ist dar­auf zu ver­wei­sen, dass ein nicht uner­heb­li­cher Teil der Bevöl­ke­rung – je nach Quel­le rund 20 Pro­zent – auf eine Imp­fung kei­nen Wert legt, die durch voll­kom­men neue Impf­stof­fe, ohne aus­rei­chen­de erfor­der­li­che Tests, unter Miss­ach­tung des „Nürn­ber­ger Kodex” und mit einer Viel­zahl von Neben­wir­kun­gen durch­ge­führt wird und die Immun­ab­wehr der Geimpf­ten schä­digt (laut RKI ist ein Groß­teil der posi­tiv auf die Omi­kron-Vari­an­te Getes­te­ten dop­pelt geimpft).

In die­sem Zusam­men­hang erschei­nen die Äuße­run­gen man­cher Poli­ti­ker in hohem Maße selt­sam. Wenn ich an mei­nem Bier­tisch irgend­wel­chen Unsinn erzäh­le, fällt dies eben­so unter die Mei­nungs­frei­heit wie das, was ein durch die GEZ-Medi­en zum „Viro­lo­gen“ ernann­ter Bun­des­tags­ab­ge­ord­ne­ter (der zwi­schen­zeit­lich zum Gesund­heits­mi­nis­ter auf­ge­stie­gen ist, aber immer noch kein Viro­lo­ge ist) von sich gibt; oder wenn der grü­ne Minis­ter­prä­si­dent des Lan­des Baden-Würt­tem­bergs, Win­fried Kretschmann
behaup­tet, dass staat­li­cher Zwang die gesell­schaft­li­che Spal­tung über­win­den könne.

„Die Impf­pflicht befrie­det die Gesell­schaft”, behaup­tet er in der „taz“ iro­nie­frei, denn: „Mit der Impf­pflicht müs­sen sich die Bür­ger nicht gegen­sei­tig mora­lisch behar­ken”. Oder wenn die Grü­nen-Bun­des­tags­ab­ge­ord­ne­te twit­tert: „Die Tak­tik von den Querdenker:innen ist es, sich Stück für Stück die Stra­ße zu erkämp­fen. Poli­zei muss han­deln und im Zwei­fels­fall Pfef­fer­spray und Schlag­stö­cke ein­set­zen. Wir dür­fen Ihnen kei­nen Mil­li­me­ter überlassen!”.

Erstaun­li­che Äußerungen

Dies sind natür­lich nur Bei­spie­le, da die­ser Offe­ne Brief sonst so umfang­reich wür­de wird wie das Tele­fon­buch von New York. Die Äuße­run­gen der genann­ten Poli­ti­ker haben natür­lich eine ande­re Trag­wei­te als die Mei­nungs­äu­ße­run­gen vie­ler weni­ger bekann­ter Mit­men­schen. Ins­be­son­de­re die Aus­sa­gen von Saskia Weis­haupt erstau­nen mich sehr. Noch mehr erstaunt mich der Umstand, dass, wenn ein ver­gleich­ba­rer Tweet von einem Mit­glied einer ande­ren Par­tei (z.B. der AfD) auf­ge­taucht wäre, der in die­sem Zusam­men­hang übli­che Auf­schrei unse­res Staats­funkes (der GEZ-Medi­en) enorm gewe­sen wäre. Die For­de­rung nach Pfef­fer­spray und Schlag­stö­cken gegen Demons­tran­ten stellt doch nor­ma­ler­wei­se einen Auf­ruf zur Gewalt und damit einen Straf­tat­be­stand dar. Wo bleibt da unse­re Polizei?

Die­se Fra­ge kann ich mir natür­lich selbst beant­wor­ten: Sie ist ver­mut­lich gera­de damit beschäf­tigt, fried­li­che Spa­zier­gän­ger zu „über­prü­fen“, ob die­se eine Mas­ke tra­gen. Auch wenn es hier­für über­haupt kei­ne recht­li­che Grund­la­ge gibt.

Ich kann bild­lich vor­stel­len, wie sich die ver­ant­wort­li­chen Dienst­stel­len­lei­ter der Poli­zei, wenn sie end­lich am Ende die­ses Schrei­bens ange­kom­men sind, zurück­leh­nen und sich sagen: Ich habe schließ­lich mei­ne Befeh­le! Das aller­dings war auch die Ant­wort von Adolf Eich­mann. Sie hat am Ende auch ihm nichts genützt.

Jena, am 4. Janu­ar 2022

Hei­ko Taschenfüller

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