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Es geht nicht um die Pan­de­mie, es geht um die „gro­ße Transformation“!

Mo 5. Okt. 2020 | Politik und Medien

Quel­le: vera​-lengs​feld​.de

Vor weni­gen Tagen habe ich noch die Fra­ge gestellt, ob die ste­tig ver­schärf­ten Coro­na-Maß­nah­men nicht einem ganz ande­ren Ziel die­nen, als dem Seu­chen­schutz und auf ein Inter­view ver­wie­sen, dass der EU-Wirt­schafts­kom­mis­sar Gen­ti­lo­ni dem BBC gege­ben hat­te. Mehr­mals sprach Gen­ti­lo­ni davon, dass es nach Coro­na kei­ne Rück­kehr zur Nor­ma­li­tät geben wür­de, son­dern das Ziel wäre, die ent­stan­de­ne Lage zu nut­zen, um in Euro­pa eine ande­re Gesell­schaft zu eta­blie­ren: grü­ner, nach­hal­ti­ger, inklusiver.

Dar­auf­hin hat mich mein Leser H. L. auf einen Gast­kom­men­tar des ehe­ma­li­gen grü­nen Außen­mi­nis­ters Josch­ka Fischer, im Juni im „Han­dels­blatt“ ver­öf­fent­licht, auf­merk­sam gemacht. Ich hat­te es damals schon gese­hen und etwas dar­über schrei­ben wol­len, kam dann aber nicht dazu. Das hole ich jetzt nach, denn Fischers Text lässt an Klar­heit kaum etwas zu wün­schen übrig.

Fischer beginnt mit der Behaup­tung, dass es ein Feh­ler wäre „die Fol­gen die­ser abrup­ten Voll­brem­sung der Welt­wirt­schaft (durch die Lock­downs und ande­re Coro­na-Maß­nah­men) nur aus kurz­fris­tig prag­ma­ti­scher Per­spek­ti­ve zu ana­ly­sie­ren“. Er will lie­ber den Blick auf „die mit der Pan­de­mie ein­her­ge­hen­den Macht­ver­schie­bun­gen im glo­ba­len poli­ti­schen und wirt­schaft­li­chen Sys­tem“ rich­ten. Und dann lässt er die Kat­ze aus dem Sack:

„Rück­bli­ckend wird die­se Kri­se im Jahr 2020 viel­leicht ein­mal als der Beginn der „gro­ßen Trans­for­ma­ti­on“ der glo­ba­len Indus­trie­ge­sell­schaft hin zu einer Gesell­schaft der Nach­hal­tig­keit und der Ver­ant­wor­tungs­über­nah­me der Men­schen für ihr Tun bezeich­net wer­den, soweit sie sich in Indus­trie­ge­sell­schaf­ten organisieren.“

Bis­her wür­den wir „die Natur eben nur bis zu einem bestimm­ten, durch kurz­fris­ti­ge mensch­li­che Inter­es­sen defi­nier­ten Punkt“ kon­trol­lie­ren. Nein, das tun wir nicht. Wir wir­ken auf die Natur ein, zer­stö­ren sie teil­wei­se, aber wir kon­trol­lie­ren sie nicht. Jede zeit­wei­li­ge Ver­än­de­rung wird sofort zurück­ge­holt, sobald der mensch­li­che Ein­fluss nach­lässt. Das weiß jeder, der schon ein­mal die Rück­erobe­rung eines öko­lo­gisch völ­lig rui­nier­ten Trup­pen­übungs­plat­zes durch die Natur beob­ach­tet hat. Die Natur kon­trol­lie­ren zu kön­nen, gehört zu den ver­häng­nis­volls­ten Irr­tü­mern ahnungs­lo­ser Poli­ti­ker, wie sie nur in lan­gen Frie­dens­zei­ten her­vor­ge­bracht wer­den können.

Nach Fischer wäre „die Lek­ti­on der Covid-19-Kri­se“, dass „von der mensch­li­chen Zivi­li­sa­ti­on ein sehr viel wei­te­rer Ver­ant­wor­tungs­ho­ri­zont ver­langt“ wird. Sub­jek­tiv hät­te „die Mensch­heit“ das zwar schon erkannt, sie wäre aber noch nicht bereit, „die ver­ant­wort­li­chen Kon­se­quen­zen zu zie­hen und die gro­ße Trans­for­ma­ti­on einzuleiten“.

Wie die „gro­ße Trans­for­ma­ti­on“ aus­se­hen soll, kann man aus Fischers Aus­füh­run­gen nicht erken­nen, auf jeden Fall scheint sie aber eine umfas­sen­de Kon­trol­le zu bedeu­ten. Die­se Kon­trol­le ist in den Coro­na-Maß­nah­men bereits ange­legt. Aus mün­di­gen Bür­gern wur­den ver­ängs­tig­te Mas­ken­trä­ger, die bemüht sind, den poli­tisch gefor­der­ten Abstand zu ihren Mit­men­schen ein­zu­hal­ten. Kul­tur, Frei­zeit und Rei­sen sind bereits hef­tig regle­men­tiert, pri­va­te Fei­ern poli­ti­sche Restrik­tio­nen unter­wor­fen. Kein Ende abzu­se­hen. Geherrscht wird mit der durch Dau­er-Panik­ma­che geschür­ten Angst. Wenn der Pro­to­typ des neu­en Zeit­al­ters so aus­sieht, ist nichts Gutes zu erwarten.

Die­ses neue Zeit­al­ter in der Geschich­te der Mensch­heit hat laut Fischer bereits einen Namen: Das „Anthro­po­zän“. „Das heißt, die Macht der mensch­li­chen indus­tri­el­len Zivi­li­sa­ti­on rund um den Glo­bus ist so gewal­tig, dass deren beab­sich­tig­te und nicht beab­sich­tig­te Fol­gen den Fort­gang der Erd­ge­schich­te bestim­men werden.“

Dann holt Fischer die längst wider­leg­te Legen­de des Club of Rome von der End­lich­keit „schein­bar uner­schöpf­li­chen natür­li­chen Res­sour­cen“, die „dahin­schmel­zen“ wür­den. Außer­dem wür­de mensch­li­ches Han­deln „die glo­ba­le Atmo­sphä­re in atem­be­rau­ben­der Geschwin­dig­keit“ aufheizen.

Wegen der „seit etwa 1950 dra­ma­tisch gewach­se­ne Anzahl der Men­schen“ wäre die „Alter­na­ti­ve, die sich vor der Mensch­heit zu Beginn des 21. Jahr­hun­derts auftut…Verantwortung zu über­neh­men, „das heißt, aus schlich­tem Selbst­er­hal­tungs­in­ter­es­se her­aus den Mut und die Weit­sicht zur gro­ßen Trans­for­ma­ti­on aufzubringen“.

Und wenn die Mensch­heit den­noch nicht zur „gro­ßen Trans­for­ma­ti­on“ bereit sein soll­te, droht Fischer, dass sie dann „sehen­den Auges auf die Rück­kehr der apo­ka­lyp­ti­schen Rei­ter, die man mit der indus­tri­ell-wis­sen­schaft­li­chen Moder­ne für immer über­wun­den glaub­te“, erwar­ten müss­te. Mit Covid-19 sei der Ers­te von ihnen bereits wie­der auf­ge­taucht. Für alle nicht Bibelfesten:

In der Offen­ba­rung des Johan­nes, tre­ten vier “apo­ka­lyp­ti­sche Rei­ter” auf: Der wei­ße, der rote, der schwar­ze und der fah­le. Es heißt da in Offen­ba­rung 6, 2 zum ers­ten Rei­ter: “Und ich sah und sie­he, ein wei­ßes Pferd. Und der dar­auf saß, hat­te einen Bogen, und ihm wur­de eine Kro­ne gege­ben, und er zog aus sieg­haft und um zu sie­gen.” Ein wei­ßer Rei­ter also, der den­noch in die Apo­ka­lyp­se führt. Zudem wird ihm eine “Kro­ne” gege­ben. Und Coro­na heißt gera­de – Krone.

Man darf sich fra­gen, war­um gera­de der ehe­ma­li­ge Bun­des­au­ßen­mi­nis­ter und Vize-Kanz­ler der, der nicht für sei­en Gläu­big­keit bekannt, ist in einem Arti­kel im Som­mer 2020 aus­ge­rech­net auf die­sen ers­ten Rei­ter hinweist.

Wei­ter im Fischer-Text: „Bei Covid-19 haben wir gelernt, auf den wis­sen­schaft­li­chen Rat zu hören. War­um tun wir dies nicht auch bei noch sehr viel gefähr­li­che­ren Ent­wick­lun­gen, die heu­te schon unse­re Wirk­lich­keit bestim­men, wie der Erd­er­wär­mung und der Kli­ma­kri­se?”

Also, ers­tens haben die Regie­run­gen nur sehr ein­ge­schränkt auf wis­sen­schaft­li­chen Rat gehört. Alle, die nicht die gewünsch­ten Panik-Sze­na­ri­en, unter­stützt haben die sich am Ende fast alle als unzu­tref­fend erwie­sen, wur­den nicht gehört. So wie in der Kli­ma­fra­ge Kri­ti­ker der Erd­er­wär­mungs­dok­trin nicht gehört wer­den. Wie­so soll so ein äußerst ein­ge­schränk­tes Ver­ständ­nis vom wis­sen­schaft­li­chen Rat zukunfts­wei­send sein?

Laut Fischer sol­len die ent­wi­ckelts­ten unter den Indus­trie­ge­sell­schaf­ten bei der Trans­for­ma­ti­on zu einer Ver­ant­wor­tungs­ge­sell­schaft an ers­ter Stel­le gefragt sein; denn sie ver­fü­gen über das Know-how und das not­wen­di­ge Kapi­tal, sie set­zen die Ent­wick­lungs­trends für die Zukunft.

Wirk­lich? Die west­li­che Gesell­schaft, die gera­de dabei ist, durch die Fischers dekon­stru­iert zu wer­den, soll die Füh­rung über­neh­men? Wohin? In die tota­le Dekonstruktion?

Zum Schluss kommt noch ein biss­chen Allmachtsphantasie:

„Für das alte Euro­pa bie­tet sich eine unver­hoff­te Chan­ce, wenn es nicht auf die Kon­kur­renz der Super­mäch­te setzt, son­dern den Mut hat, eine Füh­rungs­rol­le bei die­ser gro­ßen Trans­for­ma­ti­on anzustreben.“

Euro­pa hat sei­ne Bür­ger nicht gefragt, ob sie eine nicht näher defi­nier­te „gro­ße Trans­for­ma­ti­on“ über­haupt wol­len. An die­ser Trans­for­ma­ti­on wird hin­ter dem Rücken der Euro­pä­er gebas­telt und sie soll offen­bar durch­ge­führt wer­den, egal, was dabei am Ende raus­kommt. Die Geschich­te lehrt aber, dass die gro­ßen Mensch­heits­be­glü­ckungs-Expe­ri­men­te zu Elend und Tod geführt haben, auch ganz ohne apo­ka­lyp­ti­sche Rei­ter. Wenn die Coro­na-Poli­tik dazu die­nen soll, die „gro­ße Trans­for­ma­ti­on“ her­bei­zu­füh­ren, ist sie gefähr­li­cher, als jedes Virus.

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