Bericht aus Stockholm: Schweden im Corona-Focus

Mi 26. Aug. 2020 | Politik und Medien

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Quelle: vera-lengsfeld.de

Leser­brief von Bernd Muckenschnabel

Schwe­den hat in Europa wie kein zweites Land gewagt sich von der weltweit­en „Coro­na-Alarm Ein­heits­front“ zu dis­tanzieren. Schwe­den ist in der inter­na­tionalen Debat­te, wie man der Coro­n­aKrise begeg­nen soll, wie ein Stachel im Fleisch der poli­tis­chen Eliten. Wie sieht es nun nach fast 6 Monat­en in Schwe­den aus? Das hat mich bren­nend inter­essiert. Ich habe in diesem Land ein paar Jahre ver­bracht und bin Schwe­den über meine Fam­i­lie und auch beru­flich seit langem ver­bun­den. Also machte ich mich auf nach Stockholm.

Schwe­den ist in diesem Fall nicht irgen­dein Land, dass der inter­na­tionalen Gemein­schaft in der Frage wie man der Coro­na-Pan­demie begeg­nen soll wider­spricht. Weis­s­rus­s­land z. B. geht auch einen eige­nen Weg. Aber wer glaubt an Weis­s­rus­s­land? Nicht ein­mal die eigene Bevölkerung. Schwe­den aber ist nicht nur ein Land mit enor­men Wohl­stand. Es gehört zu der Län­der­gruppe mit der höch­sten Lebenser­wartung, Wohl­stand, demokratis­ch­er Tra­di­tion, ein­er intak­ten Umwelt, höch­sten sozialen Errun­gen­schaften. In gewiss­er Weise hat das „schwedis­che Mod­ell“ nicht nur für fast alle Sozialdemokrat­en über Jahrzehnte eine Art Vor­bild­funk­tion dargestellt. Schwe­den war für Jahrzehnte das Land der Träume und der „heilen Welt“. Und aus­gerech­net dieses Land wider­set­zt sich allen Coro­na-Aufla­gen der soge­nan­nten inter­na­tionalen Gemein­schaft? Wie kann das sein? Bekan­ntlich hat sich Schwe­den geweigert den berüchtigten „Lock­down“ der Wirtschaft wie in Deutsch­land zu verordnen.

Alle Betriebe kon­nten weit­er arbeit­en, Schulen blieben geöffnet, Restau­rants und das gesamte öffentliche Leben kon­nte nor­mal weit­erge­führt wer­den. Bis auf wenige Empfehlun­gen wie Abstand hal­ten, Hände waschen, keine Ver­samm­lun­gen mit mehr als 50 Per­so­n­en, kon­nte die gesamte Gesellschaft weit­er arbeit­en wie bish­er. Während Deutsch­land auss­chliesslich auf der Grund­lage von Angaben aus dem kom­mu­nis­tis­chen Chi­na und entsprechen­den Hor­rorvideos, seine Bevölkerung – wie in Chi­na – einsper­ren lies und die Wirtschaft für Monate gegen die Wand fuhr, hat Schwe­den die Ner­ven behal­ten und einen eige­nen Weg gefunden.

Als die deutsche Regierung eine Kam­pagne der Angst und des Schreck­ens startete und von dro­hen­den ein­er Mil­lion Todes­opfer sprach, beruhigten die schwedis­chen Stellen die Bevölkerung so gut sie kon­nten. Keine Not­stands­ge­set­ze, keine Abschaf­fung von demokratis­chen Recht­en, keine Schlies­sung von Betrieben oder Gast­stät­ten, keine verord­neten Gesichts­masken. Nicht ein­mal die Gren­zen wur­den geschlossen! Wie also kon­nte dieses Land über­haupt über­leben? Wie sieht es heute aus in Schwe­den? Nach all den War­nun­gen die man über die deutschen und auch den Medi­en der Nach­bar­län­der über sich erge­hen lassen musste, kon­nte man eigentlich nur mit ein­er stark dez­imierten Bevölkerung rechnen.

Das Land müsste in tiefer Trauer und Depres­sion liegen. Davon habe ich aber nichts beobacht­en kön­nen. Stock­holm boomt weit­er­hin. Es wächst zum Zen­trum der gesamten Ost­seere­gion her­an. Die Strassen und Kaffes sind voll mit Men­schen. Das Wet­ter ist fabel­haft und tut ein übriges für eine angenehme Stim­mung. Jeden Tag zählte ich die Men­schen, die eine Maske tru­gen. Niemals kon­nte ich mehr als eine Hand­voll zählen. Mund­schutz ist frei­willig. Ich besuchte auch ein Alter­sheim. Es lag direkt neben einem Kindergarten.

Hier wer­den die Bewohn­er weit­er­hin stark abgeschirmt und beschützt. Besuch­er und Per­son­al müssen Masken tra­gen. Der Ser­vice ist phan­tastisch. Man fühlt sich verpflichtet, die Alten als stark gefährdete Gruppe der Gesellschaft zu beschützen. Unter den Bewohn­ern von Altenheimen gab es die grösste Anzahl von Ver­stor­be­nen in Zusam­men­hang mit der Aus­bre­itung der Coro­na-Pan­demie. Hier kri­tisiert sich die schwedis­che Gesellschaft selb­st am meis­ten und debat­tiert kon­struk­tiv, wie man in der Zukun­ft die Bewohn­er von Pflege­heimen bess­er beschützen kann, ohne sie der total­en sozialen Iso­la­tion aus zuset­zen. Die Wirtschaft von Schwe­den wurde natür­lich auch durch abrupten Zer­schnei­dun­gen der glob­alen Wirtschaftsverbindun­gen enorm geschädigt.

Doch liegen die Ver­luste Schwe­dens weit unter den von Deutsch­land. Auch die extreme Ver­schul­dung und Steuer­aus­fälle die sich Deutsch­land und viele andere Län­der aufge­bürdet haben, hat Schwe­den weit­ge­hend ver­hin­dern kön­nen. Die Anzahl von Ver­stor­be­nen liegt in der Län­der­skala im mit­tleren Bere­ich, ist jedoch gegenüber ver­gle­ich­baren Län­dern, wesentlich höher. Die führen­den Virolo­gen Schwe­dens ver­weisen aber darauf dass die Kri­te­rien für sta­tis­tis­che Erhe­bun­gen nicht ver­gle­ich­bar sind. Durch die unkri­tis­che Unter­schei­dung, ob ein Men­sch an oder mit Coro­na gestor­ben ist und wie und wo die Influen­za­Erkrank­ten und Ver­stor­be­nen gezählt wer­den, stellen sich noch viele Fra­gen. Björn Lom­borg, ange­se­hen­er Zukun­fts­forsch­er und ein­er der führen­den Vertei­di­ger des „schwedis­chen Weges“ macht darauf aufmerk­sam, „dass man natür­lich auch die Rate der Verkehrstoten senken kann indem man die Geschwindigkeit der Fahrzeuge auf 5 km pro Stunde reduziert. Aber dann bricht alles zusam­men, die gesamte Gesellschaft.“

Es kommt darauf an, dass man noch ein Jahr wartet und dann eine Bilanz zieht. Entschei­dend wird sein, ob es gelun­gen ist, dass die schwedis­che Bevölkerung eine eigene Immu­nität gegen das Coro­n­aVirus auf­bauen kon­nte. Dies ist die Hal­tung der meis­ten Virolo­gen und Medi­zin­er in Schwe­den. Die Bevölkerung ist froh, dass die Pan­demie vorüber ist. Zu keinem Zeit­punkt kon­nten die Kranken­häuser den Andrang von Erkrank­ten nicht bewälti­gen. Während man jet­zt den Som­mer geniessen kann, um wieder Kräfte zu sam­meln, hört man von der anderen Seite der Ost­see aus Deutsch­land nur War­nun­gen und weit­ere Panik vor Viren an den Ostseestränden.

Die meis­ten Men­schen schüt­teln ungläu­big hier den Kopf. Schon während der Oster­fe­rien zogen sich die Schwe­den massen­weise in ihre Hüt­ten und Ferien­häuser in die Natur zurück, um sich den Ansteck­ungs­ge­fahren in den Städten zu entziehen. Dies kon­nte man auch in allen anderen skan­di­navis­chen Län­dern beobacht­en. Nur die deutsche Regierung ver­bot ihrer Bevölkerung sich auf das Land zurück zu ziehen und sich zu schützen. Ein Kli­ma der Angst und der Panik kon­nte in Schwe­den weit­ge­hend ver­mieden wer­den. Die Panik und die Aktio­nen in Deutsch­land und den Nach­bar­län­dern haben viele mit Irri­ta­tio­nen reg­istri­ert. Das ganze Kli­ma der Debat­te in Schwe­den ist völ­lig anders als in Deutschland.

In Schwe­den disku­tiert man offen die unter­schiedlichen und nicht sel­ten gegen­sät­zlichen Mei­n­un­gen – in Deutsch­land aber kommt nur eine einzige Mei­n­ung, näm­lich die der Regierung in den Medi­en an. Nicht das die Medi­en hier pro Regierung arbeit­en – auch sie kri­tisieren die Regierungsstellen. Aber es gibt eine weit­ge­hend offene Debat­te. Ärzte, Virolo­gen und Medi­zin­er kom­men alle zu Wort, egal ob für oder gegen die Ein­schätzun­gen der Regierung. Die Betitelung als „Ver­schwör­er“,“ Coro­naleugn­er“ oder „Recht­sex­trem­ist“ kommt hier in dieser Debat­te so gut wie nicht vor. Doch ist den Schwe­den nicht ver­bor­gen geblieben, dass eine Rei­he von Län­dern gegen Schwe­den mas­sive Diskri­m­inierun­gen in gang geset­zt hatten.

Deutsch­land und die skan­di­navis­chen Län­der hat­ten Rei­se­ver­bote verord­net. Man wollte offen­sichtlich Schwe­den damit bestrafen und unter Druck set­zen, damit es von seinem Son­der­weg abwe­icht. Der Touris­mus und viele andere Wirtschaft­szeige wur­den dadurch erneut geschädigt. Es ist bemerkenswert das Schwe­den einen eige­nen Weg durchge­set­zt hat – trotz des erhe­blichen Drucks aus dem Aus­land und der Medi­en. Das ist nicht das erste mal. Schwe­den hat sich nach der Anti-Atom­kraft-Welle wieder für Atom­kraft entsch­ieden und prob­lem­los die Lagerung des Atom­ab­falls gelöst.

Als nach dem Zer­fall der Sow­je­tu­nion die Wehrpflicht aufgelöst wurde, hat Schwe­den vor weni­gen Jahren auf­grund der zunehmenden Bedro­hung durch die rus­sis­che Aufrüs­tung die Wehrpflicht wieder einge­führt und sog­ar die Koop­er­a­tion mit der Nato gesucht. Nach­dem Schwe­den die Gren­zen – wie in Deutsch­land für Migranten öffnete, führte dies zu gross­er Unruhe in der Bevölkerung. Die migra­tionskri­tis­che Partei Schwe­den­demokrat­en gewann erhe­blich an Stärke und wurde zur 2. Wichtig­sten Partei.

Daraufhin hat man im Gegen­satz zu Deutsch­land wieder Gren­zkon­trollen einge­führt. Schwe­den geht seinen eige­nen Weg und ori­en­tiert sich meist doch an den Inter­essen der eige­nen Bevölkerung. Schwe­den ist sicher­lich nicht die „heile Welt“ – aber Vor­bild in mancher­lei weise doch.

Viele Grüsse aus Stock­holm Bernd Muckenschnabel

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