Lockdown und Folgen für Kinder — Dipl.-Med. Sabine Kirchner, Fachärztin für Kinder- und Jugendmedizin

Fr 21. Mai. 2021 | Medizin und Pflege, Angepinnt

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Obwohl die Ansteck­ungsrate durch SARS-CoV 2 bei Kindern ähn­lich ist wie die bei Erwach­se­nen, erkranken Kinder häu­fig nicht oder zeigen nur milde Symp­tome. Das Ansteck­ungsrisiko durch Kinder scheint geringer zu sein als durch Erwach­sene. Trotz dieser im Laufe des zurück­liegen­den Jahres gewonnenen Erken­nt­nisse, dass Kinder in Kindergärten und Schulen nicht die Treiber der Pan­demie sind, kann im Moment weltweit eines von fünf Kindern wegen Coro­na-bed­ingter Schließun­gen nicht zur Schule gehen (Dat­en von UNICEF). Ein direk­ter Aus­tausch mit Gle­ichal­tri­gen ist für die gesunde Entwick­lung der Kinder und Jugendlichen notwendig. Die Schließun­gen von Kindergärten und Schulen haben ins­beson­dere für benachteiligte Kinder und Jugendliche zu ein­er beispiel­losen Unter­brechung von Bil­dung, Freizeit­möglichkeit­en, sozialem Ler­nen unter Gle­ichal­tri­gen, Gesund­heit, Sicher­heit, Schutz, manch­mal ein­er war­men Mahlzeit u.v.m. geführt.

Die Kinder- und Jugendärzte bericht­en von einem noch nie dagewe­se­nen Rück­gang der Praxiskon­sul­ta­tio­nen, nicht nur bei den akuten Vorstel­lungsan­lässen, son­dern auch bei der Wahrnehmung von Vor­sor­gen und Imp­fun­gen. Selb­st chro­nisch kranke Patien­ten suchen die Prax­en und Kranken­hausspezial­sprech­stun­den weniger häu­fig auf als zuvor. Es dauert länger, bis Eltern kranker Kinder den Arzt kon­sul­tieren. Das hat dazu geführt, dass lebens­bedrohliche Krankheits­bilder wie z.B. schwere Ketoazi­dosen als Erst­man­i­fes­ta­tion des Typ-1-Dia­betes und Appen­dizitis-Fälle mit Per­fo­ra­tion in einem riskan­ten späten Sta­di­um behan­delt wer­den mussten. Darüber hin­aus mehren sich die Berichte zur kri­tis­chen psy­chis­chen Sit­u­a­tion viel­er Kinder und Jugendlichen und den sich daraus ergeben­den psy­chis­chen Störungs­bildern. Die Leben­squal­ität und die psy­chis­che Gesund­heit von Kindern und Jugendlichen haben sich in Deutsch­land im Ver­lauf der Coro­na-Pan­demie weit­er verschlechtert.

Forschende des Uni­ver­sität­sklinikums Ham­burg-Eppen­dorf haben in der COPSY (Coro­na und Psyche)-Studie im Som­mer 2020 und im Win­ter 2021 mehr als 2600 Kinder, Jugendliche und Eltern befragt. Fast jedes dritte Kind lei­det seit dem let­zten Jahr an psy­chis­chen Auf­fäl­ligkeit­en: Sor­gen, Äng­ste, Rück­zug, Kopf- und Bauch­schmerzen. Die Kinder ernähren sich weit­er­hin unge­sund mit vie­len Süßigkeit­en. Zehn­mal mehr Kinder als vor der Pan­demie machen keinen Sport mehr. Par­al­lel dazu ver­brin­gen die Kinder noch mehr Zeit an Handy, Tablet und Spielekon­sole. Der Berufsver­band der Ver­tragspsy­chother­a­peuten hat die Ther­a­peuten und Kinderärzte befragt und die Dat­en von 10 000 Kindern analysiert. Die Ergeb­nisse zeigten eine deut­liche Zunahme von Leis­tungsab­fall, Ver­sagen­säng­sten, deut­liche Gewicht­szu­nahme und einen über­mäßi­gen Medienkonsum.

Zunehmend kom­men die Fam­i­lien mit Home­of­fice und Home­school­ing an ihre Gren­zen. Hin­ter ver­schlosse­nen Türen wach­sen Stress und Frus­tra­tion. In vie­len Fam­i­lien dro­ht die Gewalt zuzunehmen, die Fälle von Mis­shand­lung und Miss­brauch. Deutsch­lands Kinder- und Jugendlichenpsy­chother­a­peuten haben inzwis­chen 60% mehr Ther­a­piean­fra­gen als vor der Pan­demie und sehen Schwierigkeit­en in der Ver­sorgung. In einem offe­nen Brief beto­nen sie, dass sich bun­des­landüber­greifend in der kinder- und jugendpsy­chi­a­trischen und psy­chother­a­peutis­chen Ver­sorgung ver­mehrt Angst­störun­gen, Depres­sio­nen, Schlaf­störun­gen, Essstörun­gen und Sub­stanzmiss­brauch zeigen. Zudem wird ein Anstieg von Patien­ten berichtet, die auf­grund von akuter Suizidalität/Krisen oder nach häus­lich­er Eskala­tion kinder- und jugendpsy­chi­a­trisch ver­sorgt wer­den müssen. In der kinder- und jugendpsy­chi­a­trischen Behand­lung hat die aktuelle Entwick­lung zunehmend zur Folge, dass reg­uläre Behand­lun­gen zugun­sten von Kris­en­in­ter­ven­tio­nen aufgeschoben wer­den oder aus­fall­en müssen. Der Fokus liegt auf stark belasteten Kindern und Jugendlichen, so dass viele Patien­ten nicht hin­re­ichend ver­sorgt werden.

Die Prob­leme zeigen sich über alle Alters­grup­pen hinweg:

• Eltern von Kleinkindern bericht­en ver­mehrt von Tren­nungsäng­sten beim Über­gang in die Not­be­treu­ung. Im häus­lichen Rah­men schildern sie Ver­hal­tensauf­fäl­ligkeit­en. Die Kinder zeigen unkon­trol­lierte Wutaus­brüche, Aggres­sio­nen und Schlaf­prob­leme. Gegen­wär­tig erscheinen ihnen die vorgestell­ten Patien­ten jünger als üblicherweise.

• Ins­beson­dere bei Schulkindern, die im Som­mer bedeut­same Tran­si­tio­nen wie die Ein­schu­lung oder den Wech­sel zur weit­er­führen­den Schule bewältigt haben, ist derzeit die Häu­fung von Schuläng­sten auf­fäl­lig. Bere­its vor Pan­demiebe­ginn beste­hende Schuläng­ste ver­stärken sich durch den unregelmäßi­gen Schulbesuch.

• Die Adoleszen­ten zeigen sich eben­so deut­lich belastet. Beson­ders die Alters­gruppe der jün­geren Adoleszen­ten muss als stark gefährdet hin­sichtlich miss­bräuch­lich­er Medi­en- und Inter­net­nutzung und die Entwick­lung von Essstörun­gen ange­se­hen wer­den. Für sie gibt es durchge­hend keine Not­be­treu­ungsange­bote. Oft wer­den sie sich selb­st über­lassen, zumal sie in einem Leben­salter sind, in dem sie um Autonomie rin­gen und sich von den Eltern oft nicht leicht anleit­en lassen.

In einem Inter­view der HNA Kas­sel vom 5.3.2021 kon­nte der Kinder- und Jugendlichenpsy­chother­a­peut Jochen Krämer noch keine Antwort auf die Frage geben, welche der neg­a­tiv­en Fol­gen wieder ver­schwinden und welche bleiben sowie welche langfristi­gen Fol­gen sich noch entwick­eln. Bei psy­chis­chen Störun­gen kann es zum Teil mehrere Monate dauern, bis sie sich man­i­festieren. Die neg­a­tiv­en Auswirkun­gen der Pan­demie kom­men nicht über­raschend. Schon im Mai 2020 wiesen die Deutsche Gesellschaft für Psy­cholo­gie und die Gesellschaft für Empirische Bil­dungs­forschung auf die Gefahren von Schulschließun­gen für die gesunde Entwick­lung von Kindern und Jugendlichen hin. Umso schw­er­er wiegt es, dass in den poli­tis­chen Entschei­dun­gen die Bedürfnisse und Rechte von Kindern und Jugendlichen kaum berück­sichtigt wurden.

Der Bun­destag hat sich am 25.3.2021 erst­mals mit Anträ­gen zum Umgang mit den Auswirkun­gen der Coro­na-Pan­demie auf die Bil­dung und Gesund­heit von Kindern und Jugendlichen beschäftigt. Nor­bert Müller (Die Linke) äußerte, dass es für seine drei Söhne seit einem Jahr keinen Nor­malzu­s­tand mehr gäbe. Sie hät­ten erlebt, wie Schulen und Kitas geschlossen wur­den und sie in Quar­an­täne mussten, weil Kinder, die sie nicht ein­mal kan­nten, pos­i­tiv getestet wur­den. Kinderge­burt­stage seien aus­ge­fall­en, Fam­i­lienkon­tak­te eingeschränkt, Vere­inss­port gäbe es nicht mehr, auch Fam­i­lienurlaube seien aus­ge­fall­en. So gehe es 14 Mil­lio­nen Kindern in Deutsch­land, von denen viele Exis­ten­zäng­ste hät­ten, in beengten Wohn­ver­hält­nis­sen lebten und finanziell nicht abgesichert seien.

Viele Eltern sor­gen sich um die Verträglichkeit der Masken für ihre Kinder. In den Bun­deslän­dern wird je nach Alter, Aufen­thalt­sort und dem Infek­tion­s­geschehen das Tra­gen ein­er Mund-Nasen-Bedeck­ung zum Fremd­schutz auch für Kinder emp­fohlen oder vorgeschrieben. Meist sind Kinder unter 6 Jahren hier­von ausgenom­men. Emp­fohlen wird das Tra­gen ein­er Op-Maske. FFP2-Masken kön­nen in Schulen von Jugendlichen ver­wen­det wer­den. Voraus­set­zung ist das kor­rek­te Tra­gen ein­er passenden Maske. Die Masken­größen sind nicht stan­dar­d­isiert und auf Erwach­sene zugeschnit­ten. Damit dicht­en sie bei Kindern unter 12 Jahren nicht aus­re­ichend ab. Das Team um Dr. Silke Schwarz und Prof. Dr. Ekke­hart Jenet­zky an der Uni­ver­sität Witten/Herdecke forscht in ein­er noch laufend­en Coro­na-Kinder­studie zum The­ma: Wie gut ver­tra­gen Kinder Masken? Bish­er wur­den über 25 000 Frage­bö­gen aus ganz Deutsch­land aus­gew­ertet. Bei ein­er durch­schnit­tlichen Tragedauer von 270 Minuten am Tag waren bei 68% der Kinder Belas­tun­gen festzustellen. Zu den am häu­fig­sten genan­nten Neben­wirkun­gen zählten Gereiztheit (60%), Kopf­schmerzen (53%), Konzen­tra­tionss­chwierigkeit­en (50%), weniger Fröh­lichkeit (49%), Schul- und Kinder­garte­nun­lust (44%), Unwohl­sein (42%), Beein­träch­ti­gun­gen beim Ler­nen (38%) und Benommenheit/Müdigkeit (37%). Zudem wurde bei 25% der Kinder angegeben, dass sie neue Äng­ste entwick­elt hät­ten. Ein völ­lig ver­nach­läs­sigter Aspekt ist auch, dass die Mimik der Bezugsper­so­n­en für eine gesunde Entwick­lung der Her­anwach­senden eine nicht zu unter­schätzende Rolle spielt.

Unsere Kinder sind uns von Gott anver­traut und brauchen unseren Schutz. Gott liebt Kinder ganz beson­ders. In Matthäus 19, 14 sagt unser HERR Jesus Chris­tus: Las­set die Kindlein zu mir kom­men und wehret ihnen nicht, denn solch­er ist das Reich Gottes!

Irrt euch nicht! Gott lässt sich nicht spot­ten. Denn was der Men­sch sät, das wird er ern­ten. (Galater 6, 7)

Zusam­men­fassend kann man eigentlich nur mit den Worten des Neu­ro­bi­olo­gen Dr. Ger­ald Hüther sagen: „ Wir kön­nen den Kindern das nicht länger zumuten, was wir hier machen. Das ist eigentlich unbe­greif­bar, wie es eine Erwach­se­nen­gener­a­tion fer­tig­bringt, den Kindern solche Aufla­gen vorzugeben, die die Kinder eigentlich nur erfüllen kön­nen, indem sie ihre eigene Lebendigkeit, ihre lebendi­gen Bedürfnisse unterdrücken.“

Dipl.-Med. Sabine Kirchner

Fachärztin für Kinder- und Jugendmedizin

Quel­lenangaben:

1) Indi­rek­te Covid-19 Auswirkun­gen auf die Kinder- und Jugendge­sund­heit, Kinder- und Jugen­darzt Nr. 3/21

2) COP­SY-Studie. Kinder und Jugendliche lei­den psy­chisch weit­er­hin stark unter Coro­na-Pan­demie, Kinder- und Jugen­darzt Nr.3/21

 

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