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[17] Dumm­heit ist ein gefähr­li­che­rer Feind des Guten als Bos­heit. Gegen das Böse läßt sich pro­tes­tie­ren, es läßt sich bloß­stel­len, es läßt sich not­falls mit Gewalt ver­hin­dern, das Böse trägt immer den Keim der Selbst­zer­set­zung in sich, indem es min­des­tens ein Unbe­ha­gen im Men­schen zurück­läßt. Gegen die Dumm­heit sind wir wehr­los. Weder mit Pro­tes­ten noch durch Gewalt läßt sich hier etwas aus­rich­ten; Grün­de ver­fan­gen nicht; Tat­sa­chen, die dem eige­nen Vor­ur­teil wider­spre­chen, brau­chen ein­fach nicht geglaubt zu wer­den – in sol­chen Fäl­len wird der Dum­me sogar kri­tisch – und wenn sie unaus­weich­lich sind, kön­nen sie ein­fach als nichts­sa­gen­de Ein­zel­fäl­le bei­sei­te­ge­scho­ben wer­den. Dabei ist der Dum­me im Unter­schied zum Bösen rest­los mit sich selbst zufrie­den; ja, er wird sogar gefähr­lich, indem er leicht gereizt zum Angriff über­geht. Daher ist dem Dum­men gegen­über mehr Vor­sicht gebo­ten als gegen­über dem Bösen. Nie­mals wer­den wir mehr ver­su­chen, den Dum­men durch Grün­de zu über­zeu­gen; es ist sinn­los und gefährlich.

Um zu wis­sen, wie wir der Dumm­heit bei­kom­men kön­nen, müs­sen wir ihr Wesen zu ver­ste­hen suchen. Soviel ist sicher, daß sie nicht wesent­lich ein intel­lek­tu­el­ler, son­dern ein mensch­li­cher Defekt ist. Es gibt intel­lek­tu­ell außer­or­dent­lich beweg­li­che Men­schen, die dumm sind, und intel­lek­tu­ell sehr Schwer­fäl­li­ge, die alles ande­re als dumm sind. Die­se Ent­de­ckung machen wir zu unse­rer Über­ra­schung anläß­lich bestimm­ter Situa­tio­nen. Dabei gewinnt man weni­ger den [18] Ein­druck, daß die Dumm­heit ein ange­bo­re­ner Defekt ist, als daß unter bestimm­ten Umstän­den die Men­schen dumm gemacht wer­den, bzw. sich dumm machen las­sen. Wir beob­ach­ten wei­ter­hin, daß abge­schlos­sen und ein­sam leben­de Men­schen die­sen Defekt sel­te­ner zei­gen als zur Gesel­lung nei­gen­de oder ver­ur­teil­te Men­schen und Men­schen­grup­pen. So scheint die Dumm­heit viel­leicht weni­ger ein psy­cho­lo­gi­sches als ein sozio­lo­gi­sches Pro­blem zu sein. Sie ist eine beson­de­re Form der Ein­wir­kung geschicht­li­cher Umstän­de auf den Men­schen, eine psy­cho­lo­gi­sche Begleit­erschei­nung bestimm­ter äuße­rer Ver­hält­nis­se. Bei genaue­rem Zuse­hen zeigt sich, daß jede star­ke äuße­re Macht­ent­fal­tung, sei sie poli­ti­scher oder reli­giö­ser Art, einen gro­ßen Teil der Men­schen mit Dumm­heit schlägt. Ja, es hat den Anschein, als sei das gera­de­zu ein sozio­lo­gisch-psy­cho­lo­gi­sches Gesetz. Die Macht der einen braucht die Dumm­heit der ande­ren. Der Vor­gang ist dabei nicht der, daß bestimm­te – also etwa intel­lek­tu­el­le – Anla­gen des Men­schen plötz­lich ver­küm­mern oder aus­fal­len, son­dern daß unter dem über­wäl­ti­gen­den Ein­druck der Macht­ent­fal­tung dem Men­schen sei­ne inne­re Selb­stän­dig­keit geraubt wird und daß die­ser nun – mehr oder weni­ger unbe­wußt – dar­auf ver­zich­tet, zu den sich erge­ben­den Lebens­la­gen ein eige­nes Ver­hal­ten zu fin­den. Daß der Dum­me oft bockig ist, darf nicht dar­über hin­weg­täu­schen, daß er nicht selb­stän­dig ist. Man spürt es gera­de­zu im Gespräch mit ihm, daß man es gar nicht mit ihm selbst, mit ihm per­sön­lich, son­dern mit über ihn mäch­tig gewor­de­nen Schlag­wor­ten, Paro­len etc. [19] zu tun hat. Er ist in einem Ban­ne, er ist ver­blen­det, er ist in sei­nem eige­nen Wesen miß­braucht, miß­han­delt. So zum wil­len­lo­sen Instru­ment gewor­den, wird der Dum­me auch zu allem Bösen fähig sein und zugleich unfä­hig, dies als Böses zu erken­nen. Hier liegt die Gefahr eines dia­bo­li­schen Miß­brauchs. Dadurch wer­den Men­schen für immer zugrun­de gerich­tet wer­den können.

Aber es ist gera­de hier auch ganz deut­lich, daß nicht ein Akt der Beleh­rung, son­dern allein ein Akt der Befrei­ung die Dumm­heit über­win­den könn­te. Dabei wird man sich damit abfin­den müs­sen, daß eine ech­te inne­re Befrei­ung in den aller­meis­ten Fäl­len erst mög­lich wird, nach­dem die äuße­re Befrei­ung vor­an­ge­gan­gen ist; bis dahin wer­den wir auf alle Ver­su­che, den Dum­men zu über­zeu­gen, ver­zich­ten müs­sen. In die­ser Sach­la­ge wird es übri­gens auch begrün­det sein, daß wir uns unter sol­chen Umstän­den ver­geb­lich dar­um bemü­hen zu wis­sen, was „das Volk“ eigent­lich denkt, und war­um die­se Fra­ge für den ver­ant­wort­lich Den­ken­den und Han­deln­den zugleich so über­flüs­sig ist – immer nur unter den gege­be­nen Umstän­den. Das Wort der Bibel, daß die Furcht Got­tes der Anfang der Weis­heit sei, sagt, daß die inne­re Befrei­ung des Men­schen zum ver­ant­wort­li­chen Leben vor Gott die ein­zi­ge wirk­li­che Über­win­dung der Dumm­heit ist.

Übri­gens haben die­se Gedan­ken über die Dumm­heit doch dies tröst­li­che für sich, daß sie ganz und gar nicht zulas­sen, die Mehr­zahl der Men­schen unter allen Umstän­den für dumm zu hal­ten. Es wird wirk­lich dar­auf [20] ankom­men, ob Macht­ha­ber sich mehr von der Dumm­heit oder von der inne­ren Selb­stän­dig­keit und Klug­heit der Men­schen versprechen.

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Autor: Diet­rich Bon­hoef­fer, Titel: Von der Dumm­heit, aus: Wider­stand und Erge­bung. Brie­fe und Auf­zeich­nun­gen aus der Haft. S. 17–20

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